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„35 Stunden-Woche bleibt die Haltelinie“

Unter dem Logo der lachenden Sonne erstreikten sich vor über 30 Jahren die MetallerInnen in einem mehrwöchigen Arbeitskampf in Hessen und Baden-Württemberg den Einstieg in die schrittweise Arbeitszeitverkürzung. 1995 trat in den westdeutschen Metallbetrieben die 35 Stunden-Woche endgültig in Kraft. Den Arbeitgebern gelang es allerdings in den vergangenen drei Jahrzehnten, die 35-Stunden-Woche auszuhöhlen, wie die Befragung der IG Metall belegt, an der sich bundesweit 680.000 Beschäftigte (Gevelsberg-Hattingen: 1.620) aus rund 7000 Betrieben beteiligt haben.

„Die tatsächliche Arbeitszeit in den Betrieben ist deutlich höher als die vereinbarte“, sagte die IG Metall-Bevollmächtigte Clarissa Bader bei der Vorstellung der Ergebnisse Im IG Metall-Bildungszentrum Sprockhövel. In der Praxis haben heute 33 Prozent (Bund 44%) der Beschäftigten einen Vertrag, der eine längere Arbeitszeit vorsieht. Rund 21 Prozent (Bund 23%) arbeiten gar 40 Stunden oder länger. „Die hart erkämpfte 35-Stunden-Woche muss auch künftig unsere Haltelinie bleiben“, erklärte die Gewerkschafterin vor den Betriebsratsmitgliedern und Vertrauenskörperleitern. Denn 70 Prozent (Bund 69%) wünschen sich die 35 Stunden-Woche und kürzere Arbeitszeiten.

Foto: Die IGM-Bevollmächtigte Clarissa Bader stellt die Ergebnisse der Befragung dar

Zufriedenheit mit der Arbeitszeit

76 Prozent (Bund 71%) der Befragten sind mit ihrer Arbeitszeit „zufrieden“. Bader: „In Betrieben, in denen Tarifverträge gelten, die Arbeitszeiten kürzer sind, und Betriebsräte sich um die Arbeitszeit kümmern, steigt die Zufriedenheit.“ Für Unmut unter allen Befragten sorgen: „überlange Arbeitszeiten“ 23 Prozent (Bund 24%), „regelmäßige Wochenendarbeit“ 12 Prozent (Bund 16%), „keine planbaren Arbeitszeiten“ 16 Prozent (Bund 16%) und „Hetze und Zeitdruck“ 27 Prozent (Bund 27%).

Dass die Personaldecke vielerorts zu dünn und die Arbeitsintensität sehr hoch ist, zeige sich, so die Erste Bevollmächtigte an den Antworten zum Thema Leistungsdruck: 51 Prozent (Bund 47%) „arbeiten oft länger, um die Aufgaben erledigt zu bekommen“, 56 Prozent (Bund 58%) fühlen sich bei der Arbeit „zunehmend gehetzt und unter Zeitdruck“.

Gesetzlicher Schutz gegen ausufernde Arbeitszeiten

„Nach den Aussagen der Befragten ist auch in Zukunft ein tariflicher und gesetzlicher Schutzrahmen gegen ausufernde Arbeitszeiten notwendig“, so Clarissa Bader. 97 Prozent (Bund 96%) wollen, dass das Arbeitszeitgesetz der „Arbeitszeit Grenzen setzt“ und das Recht auf Abschalten also „die gesetzliche Ruhezeit“ bestehen bleibt. Die Beschäftigten widersprechen damit entschieden den Arbeitgebern, die sich die Aufhebung der „tagesbezogenen Zehn-Stunden-Grenze“ und der „elfstündigen Ruhepause“ zwischen Arbeitsende und Arbeitsbeginn am nächsten Tag auf ihre Fahne der „unbegrenzten Flexibilität“ im Rahmen einer globalisierten Welt geschrieben haben.

Dagegen wünschen sich die Beschäftigten mehr Spielräume bei der Verteilung ihrer Arbeitszeit: 84 Prozent der Befragten in der Geschäftsstelle und im Bund wollen „planbarere Arbeitszeiten, 88 Prozent (Bund 85%) möchten die Möglichkeiten haben, „kurzfristig für ein paar Stunden früher gehen zu können“, um beispielsweise private Angelegenheiten zu erledigen.

Auch in der anschließenden Debatte, an der sich die Kollegen Jörg Kannapin (dormakaba Ennepetal), Gerd Starosta (O&K AT Hattingen), Dieter Breit (TK Bilstein Ennepetal), Claus Möller (Stüwe Hattingen) und Herbert Uppendahl (Dieckerhoff Guss Gevelsberg) beteiligten, wurde deutlich, dass die Arbeitszeiten künftig so gestaltet werden müssen, um allen mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen und fremdbestimmte Flexibilität einzugrenzen. Dazu braucht es eine starke Mitbestimmung und eine hohe Tarifbindung. „Wenn Arbeitgeber sich nicht freiwillig einem Branchen-Tarifvertrag anschließen, dann muss der Gesetzgeber sie dazu verpflichten, einen Tarifvertrag anzuwenden“, wurde in der Aussprache gefordert.

Weitere Arbeitszeitverkürzung

Die befragten MetallerInnen setzen vorrangig auf eine Umverteilung der Arbeitszeit entlang des Lebensverlaufs. So möchten 84 Prozent (Bund 85%) „die Arbeitszeit zeitweise absenken können“, um Kinder zu erziehen, Angehörige zu pflegen oder sich weiterbilden zu können. Doch um sich das finanziell leisten zu können, fordern sie einen Entgeltausgleich. Eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung „ohne Entgeltausgleich“ kommt für 43 Prozent (Bund 47%) der Befragten in Betracht.

Umgekehrt befürworten 88 Prozent (Bund 90%) der Beschäftigten ein Rückkehrrecht in Vollzeit. Statt in der Teilzeitfalle stecken zu bleiben, wollen sie nach einer Phase der Absenkung die Arbeitszeit wieder anheben können.

Foto: IG Metall-Bezirksleiter Knut Giesler informiert über die kommende Metall-Tarifrunde

Arbeitszeit – Thema in der kommenden Metall-Tarifrunde

„Die Beschäftigten wollen mehr Selbstbestimmung, anstatt Fremdbestimmung in der Arbeitszeit“, erklärte IG Metall-Bezirksleiter Knut Giesler vor den betrieblichen Gewerkschaftsfunktionären. Das Thema Arbeitszeit werde in der im Herbst beginnenden Metall-Tarifrunde eine zentrale Rolle spielen. In den kommenden Wochen bringe die Gewerkschaft die Ergebnisse der Befragung in die tarifpolitischen Diskussion in den Betrieben und in der Tarifkommission im Bezirk Nordrhein-Westfalen ein.

In den Diskussionen sollten Forderungsüberlegungen wie „Selbstbestimmte Arbeitszeiten – Recht auf Arbeitszeitreduzierung für alle“, „Schichtarbeit besser gestalten“, „Regelungen für mobiles Arbeiten“ und „Gute Vorbereitung für Prüfungen in der Ausbildung und beim dualen Studium“ stehen. Knut Giesler: „Letztlich stellen sich zwei Fragen: Erstens, wie können wir mehr individuelle Zeitsouveränität des Einzelnen durch kollektive Rahmenregelungen sicherstellen und zweitens wie muss die Tarifforderung zur Arbeitszeit lauten, von der aller profitieren können?“ Der NRW-Bezirksleiter erinnerte daran, dass Arbeitszeitfragen immer zu konfliktreichen Tarifrunden geführt hätten, um so notwendiger sei jetzt eine gute Vorbereitung in den Betrieben, dazu gehöre eine aktive Mitgliederwerbung zur Erhöhung der gewerkschaftlichen Durchsetzungskraft in der Tarifrunde 2017.

Foto 1: Betriebsratsmitglieder und Vertrauenskörperleiter im IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel
Foto 2: Die IGM-Bevollmächtigte Clarissa Bader stellt die Ergebnisse der Befragung dar
Foto 3: IG Metall-Bezirksleiter Knut Giesler informiert über die kommende Metall-Tarifrunde
Fotos: IGM G-H

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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