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Arbeiten unter erschwerten Bedingungen

Corona und die Arbeitswelt: Report des DGB-Index „Gute Arbeit“.

Das Tragen von Masken am Arbeitsplatz, die Reduzierung von Kontakten sowie die Ausweitung von Arbeit im Homeoffice haben die Arbeitsbedingungen während der Corona-Pandemie in vielen Bereichen tiefgreifend verändert. Das hat Auswirkungen auf das Befinden der Beschäftigten. Während der zweiten und dritten Coronawelle ist ein Viertel der Arbeitnehmer*innen (28 %) mit dem Gefühl zur Arbeit gegangen, gar nicht oder nur gering vor einer Infektion mit dem Covid-19-Virus geschützt zu sein. Bei Beschäftigten, die ihre Arbeit (sehr) häufig von zu Hause aus erledigten, war der Anteil mit 14 Prozent nur halb so groß, so Ergebnisse des neuen Report des DGB-Index „Gute Arbeit“. (1)

 Mit der Corona-Arbeitsschutzverordnung wurden die Arbeitgeber dazu verpflichtet, umfassende betriebliche Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten vor einer Coronainfektion zu ergreifen. Um Ansteckungen zu vermeiden, wurden in den Betrieben Personenkontakte reduziert und Mindestabstände eingeführt. Wo Mindestabstände nicht eingehalten werden konnten, war während der Arbeit das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes vorgeschrieben. Diese Vorgaben blieben nicht ohne Auswirkungen. Fast Jede/r dritte Befragte (30%) antwortete, dass die Ausübung der eigenen Arbeit durch die Infektionsschutzmaßnahmen erschwert, wurde. Beschäftigte, deren Tätigkeit auf der persönlichen Kommunikation mit Kund*innen, Patient*innen oder Kindern beruht, berichteten zu 36 Prozent von erschwerten Bedingungen. Schwieriger wurde es auch dort, wo Beschäftigte schwere körperliche Arbeit leisten. In diesem Fall gaben 37 Prozent an, dass ihre Tätigkeit durch die Infektionsschutzmaßnahmen erschwert wurde,

Gefährdungsbeurteilung dringend notwendig

Zu den Maßnahmen, mit denen das Infektionsrisiko der Beschäftigten bei der Arbeit verringert werden soll, gehört die Verpflichtung der Arbeitgeber, „die Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich erforderlicher zusätzlicher Maßnahmen des Infektionsschutzes zu überprüfen und zu aktualisieren“. Eine vollständige Gefährdungsbeurteilung umfasst die Entwicklung konkreter betrieblicher Maßnahmen, mit denen Gesundheitsrisiken vermieden werden können. Die Wirksamkeit dieses Instruments ist auch aus den Bewertungen der Beschäftigten ablesbar: Lediglich 42 Prozent der Beschäftigten (2) berichteten, dass für ihren Arbeitsplatz eine entsprechende Gefährdungsbeurteilung durchgeführt wurde. Bei 37 Prozent war dies nicht der Fall, 21 Prozent wussten nicht, ob es eine solche Gefährdungsbeurteilung gegeben hat.

Fakt ist jedoch: Dort wo eine Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz durchgeführt wurde, wurden auch häufiger betriebliche Schutzmaßnahmen ergriffen – und diese wurden dann von den Befragten auch besser bewertet. Sie fühlten sich durch sie besser geschützt. „Die Betriebsräte haben vielfach ihre Mitbestimmungsrechte genutzt, um das zentrale Instrument der Gefährdungsbeurteilung aktiv voranzubringen. Gerade in der jetzigen, sich wieder verschärfenden Situation ist es wichtig, auf diesem Weg das Schutzniveau in den Betrieben auf hohem Niveau zu halten“, betont Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.

Pandemie: Treiber für beschleunigte Digitalisierung

Die Corona-Pandemie ist auch ein starker Treiber für eine beschleunigte Digitalisierung von Arbeit. Drei Viertel der Beschäftigten, die mit neuer Software arbeiteten, antworteten, dass sie davon ausgehen, dass die neue Technik aufgrund der Pandemie eingeführt wurde. Bei neuen digitalen Geräten oder Maschinen sahen zwei Drittel (64%) die Pandemie als ausschlaggebend für die Einführung an. Damit war und ist jedoch nicht automatisch eine Arbeitsentlastung verbunden. Im Gegenteil: Die Digitalisierung inner- und außerbetrieblicher Kontakte bedeutete für jeweils ein Drittel der Betroffenen eine größere Arbeitsbelastung.

Die Maßnahmen des Infektionsschutzes beschränkten beispielsweise die Möglichkeiten direkter persönlicher Kommunikation in den Betrieben. Mehr als 40 Prozent der Befragten berichteten davon, dass sie seit Pandemiebeginn mit Vorgesetzten und Kolleg*innen überwiegend digital kommuniziert haben. Für sie war dies häufig mit einer Zunahme der Arbeitsbelastung verbunden.

Wie weit neue digitale Arbeitsmittel die Arbeit erleichtern können, hängt auch davon ab, ob die Beschäftigten ausreichend für die neue Technik qualifiziert werden. Ist dies nicht der Fall, kann Digitalisierung zu Überforderung und zusätzlichen Belastungen führen. Von den Befragten, die mit neuer Software oder neuen digitalen Geräten gearbeitet haben, haben 27 Prozent keine angemessene Schulung erhalten. Fast ein Drittel berichtet darüber hinaus von fehlender oder nur geringer Unterstützung bei technischen Problemen.

Mehrbelastung auch im Home-Office

Während der Pandemie wurde die Arbeit vermehrt ins Homeoffice verlagert. Die Corona-Arbeitsschutzverordnung sah ab Ende Januar 2021 vor, dass Arbeitgeber den Beschäftigten anbieten müssen, ihre Tätigkeit in der eigenen Wohnung auszuführen, „wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen“. Diese „Homeoffice-Pflicht“, mit der Kontakte und damit das Infektionsrisiko reduziert werden sollten, dauerte bis Ende Juni 2021. Homeoffice wurde nun auch in vielen Unternehmen umgesetzt, in denen es den Beschäftigten zuvor nicht möglich war, auch von zu Hause zu arbeiten. Mehr als die Hälfte (54%) derjenigen, die ihre Arbeit auch zu Hause erledigten, haben damit erst während der Pandemie begonnen.

Beschäftigte, die von zu Hause aus arbeiten, erhoffen sich mehr Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit und eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben. Doch zu Hause zu arbeiten bedeutet nicht automatisch eine Entlastung. Im Gegenteil: Ein Drittel der Befragten (32%), die im Homeoffice arbeiteten, sah sich bei der Arbeit zu Hause eher stärker belastet. Lediglich 15 Prozent sahen darin eine geringere Arbeitsbelastung.

Besonders stark ausgeprägt war die Zunahme der Arbeitsbelastung, wenn die Wohnung für das Homeoffice nicht geeignet war. In diesem Fall nahmen 45 Prozent eine höhere Belastung wahr. Darüber hinaus zeigte sich, dass der Umgang mit (neuer) digitaler Technik im Homeoffice ein Problem sein konnte – besonders dann, wenn es keine angemessene Schulung gab (44%) oder die technische Unterstützung fehlte (47%). Auch wenn die Kinderbetreuung durch die Pandemie schwieriger wurde, stellte das Homeoffice häufiger eine Mehrbelastung dar (39%)

Home-Office darf keine arbeitsschutzfreie Zone werden

Betriebsvereinbarungen, in denen die Gestaltung des Homeoffice geregelt ist, waren im Befragungszeitraum bei der Hälfte der Beschäftigten (52%) vorhanden, die ihre Arbeit auch von zu Hause aus erledigten. Wo es Regeln zum Homeoffice gab, hatten die Kolleginnen und Kollegen einen größeren Einfluss auf die Arbeitszeitgestaltung. Entgrenzung, ständige Erreichbarkeit und unbezahlte Arbeit traten bei ihnen seltener auf. Ohne betriebliche Vereinbarungen war der Anteil der Befragten mit Wochenendarbeit mehr als doppelt so hoch. Auch der Anteil der Beschäftigten, die für den Arbeitgeber außerhalb der Arbeitszeit erreichbar sein mussten und unbezahlte Arbeit für den Betrieb leisteten, war deutlich höher. „Ob das Arbeiten von zuhause den Beschäftigten tatsächlich die erhoffte Entlastung bringt, hängt maßgeblich von der konkreten Ausgestaltung ab. Ohne verbriefte Arbeitsschutzstandards und Mitbestimmung drohen den Beschäftigten noch mehr Belastungen durch Entgrenzung der Arbeit und schlecht gestaltete Bildschirmarbeit. Der Gesetzgeber muss einen Rechtsrahmen für mobiles Arbeiten einführen und dafür sorgen, dass Homeoffice nicht zur arbeitsschutzfreien Zone wird.“ (Hans-Jürgen Urban) Es braucht hier klare Regeln für gute Arbeitsbedingungen im Büro wie auch im Homeoffice – während und nach der Pandemie.

Anmerkungen

(1) Institut DGB-Index Gute Arbeit (Hrg.): Report 2021 „Unter erschwerten Bedingungen – Corona und die Arbeitswelt“, Ergebnisse des DGB-Index Gute Arbeit 2021, Berlin November 2021
(2) Der Report basiert auf einer Zufallsstichprobe von 6.407 abhängig Beschäftigten, die zum Zeitpunkt der Befragung in Deutschland gearbeitet haben. Die Daten wurden im Rahmen der bundesweiten Repräsentativumfrage zum DGB-Index Gute Arbeit im Zeitraum von Januar bis Juni 2021 erhoben. Telefonisch befragt wurden Arbeitnehmer*innen mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von mindestens zehn Stunden. Nicht befragt wurden Auszubildende, Selbstständige sowie Personen, die das Alter für den Eintritt in das gesetzliche Rentensystem zum Befragungszeitpunkt bereits überschritten hatten.

Weitere Artikel

Siehe auch
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