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„Arbeitskämpfe“ und „Ende der Schonzeit“

Dreißig Jahre danach: Mit drei Fotoausstellungen erinnert das Hattinger LWL-Museum an den Kampf der Stahlarbeiter 1987 um den Erhalt „ihrer“ Hütte. Im historischen Gebläsehaus werden in der Ausstellung „Ende der Schonzeit“ (13.5. – 5.11.2017) rund 50 Fotografien des Hamburger Fotografen Horst Dieter Zinn gezeigt, die 1987 und 2017 entstanden sind. Im Foyer ist die Ausstellung „Arbeitskämpfe“ (24.5. – 8.10.2017) mit über achtzig Fotografien des Fotografen Michael Kerstgens zu sehen, die er in den 1980er-Jahren beim Bergarbeiterstreik in England und in den Stahlauseinandersetzungen in Hattingen, Rheinhausen und Hagen aufnahm. In der „Open-Air-Ausstellung“ entlang des Zauns am Hochofen 3 sind die großformatigen Arbeiterportraits der Remscheider Fotografin Astrid Kirschey zu sehen.

„Ende der Schonzeit“

Das Magazin GEO beauftragte vor dreißig Jahren Horst-Dieter Zinn eine Reportage über den sterbenden Stahlstandort Hattingen zu fotografieren. In der 1988 erschienenen sehr persönlichen Reportage „Eine Heimat geht bankrott“ zeigte der Wahl-Hamburger viel Gefühl für die Kämpfenden und die Leidtragenden des montanindustriellen Niedergangs. Es war die Zeit, in der die Stadt, die Fenster der Geschäfte geprägt waren von dem Plakat „Hattingen muss leben“. Solidarität war nicht nur ein Wort, sondern wurde gelebt als tragender Wert einer Gemeinschaft. Im Katalog zur Ausstellung schreibt Zinn: „Meine Fotos zeigten Bilder der Arbeiterklasse. Mit Menschen, die stolz waren, zur Arbeiterklasse zu gehören.“

30 Jahre später war Horst-Dieter Zinn erneut unterwegs in Hattingen mit einem anderen Blick auf die Stadt und ihre Menschen. Sein Blick durch die Linse ist sachlicher, weniger moralisierend. Alles ist schneller, urban statt montan. Für ihn hat das Fotoprojekt zur Klärung seines Heimat-Begriffes beigetragen. Zinn: „Hier in Hattingen habe ich erfahren. Heimat ist mehr als ein Ort der Erinnerung.“

„Arbeitskämpfe“

Das Thema „Arbeitskämpfe“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten von Michael Kerstgens, der als Professor für Dokumentar-Fotografie an der Hochschule Darmstadt tätig ist.  Den Anfang machte der große „Miners‘ Strike“ in England und Wales, Höhepunkt des unter der konservativen Regierung von Margaret Thatcher eingeleiteten Niedergangs der Bergbau- und Stahlindustrie in Großbritannien. Die Fotografien zeigen nicht nur den Streik, sondern auch das Leben der Menschen, ihre Sorgen und Bedürfnisse.

Zurück in Deutschland begegneten ihm – in Hattingen und Rheinhausen –  ganz ähnliche Bilder. Die Forderung der walisischen Bergleute „Coal not Dole“, frei übersetzt „Arbeit statt Stütze“, konnte auch auf das Ruhrgebiet übertragen werden. Ob Kohle oder Stahl, Wales oder Ruhrgebiet: Die Krise der Montanindustrie ist international.

Die eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen die Verzweiflung, aber auch die Entschlossenheit der Menschen, die sich gegen einen ungezügelten Strukturwandel stemmen und stattdessen für eine Zukunftsperspektive kämpfen. Die Bilder über den Hattinger Hüttenkampf in der Ausstellung werden einen Blick auf die Grundsteinlegung für die „Beschäftigungsgesellschaft Thyssen“, die verbunden war mit der Forderung nach Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen durch den Stahlkonzern in der Region.

„100 Hüttenleben“

Nach dem Rundgang durch beide Ausstellungen sollte man/frau nicht versäumen, einen Blick auf die großformatigen Arbeiterportraits der Remscheider Fotografin Astrid Kirschey zu werfen, die als „Open-Air-Ausstellung“ entlang des Zauns am Hochofen 3 zu sehen sind.  Die „fotografische Menschenkette“ erinnert an die Menschenkette vom 23. April 1987, als sich 5000 Stahlarbeiter, Metaller, Verkäuferinnen, Hausfrauen von der Ruhr- bis zur Kosterbrücke die Hand gaben, um die Arbeitsplätze der Hütte symbolisch zu schützen. „100 Hüttenleben ist eine Verbeugung vor der ehemaligen Belegschaft „der Hütte“, die unterstützt durch ihre Gewerkschaft IG Metall, 12 Monate für ihre Zukunft und für eine Perspektive ihrer Stadt gekämpft haben.

Zur Information:
LWL-Industriemuseum Henrichshütte Hattingen
Werksstraße 31-33, 45527 Hattingen                                                                                           Öffnungszeiten: Dienstag–Sonntag und an Feiertagen 10–18 Uhr/ Letzter Einlass 17 Uhr

 

 

 

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