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„Banker senken den Daumen“ – die Hausherr &Söhne GmbH in Sprockhövel

Wir sichern unsern Betrieb“. Die Transparente vor dem Bergbauzulieferer Hausherr & Söhne am Ortsausgang von Sprockhövel waren weithin sichtbar. Es war Mitte Oktober 1993 als die Westfalenbank und die Dresdner Bank den Geldhahn zudrehten. Die Kreditlinie des Unternehmens in Höhe von 9 Mio. DM war ausgeschöpft und die Löhne konnten nicht mehr ausgezahlt werden.

Betriebsrat und IG Metall forderten die beiden „gutbetuchten“  Eigentümerfamilien Zimmermann und Hausherr auf, aus ihrer Privatschatulle 300.000 Mark auf den Tisch legen, damit zumindest die Löhne gezahlt werden können. Doch die Anteilseigner dachten keine Minute daran, Mittel für die Stabilisierung der Hausherr GmbH bereit zu stellen. Rudolf Zimmermann, Sohn von Erika Zimmermann die 75 Prozent Anteile hielt, verkündete, so der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Scheid, die Familie sei nicht mehr bereit, auch „nur noch eine Mark in das Unternehmen zu investieren“.

Beschäftigte besetzen den Betrieb

Was den patriarchalisch geführten Traditionsbetrieb in diese Schieflage gebracht hat, lag für den zweiten Bevollmächtigten Alfons Eilers auf der Hand: „Die Geschäftsführer der Bergbauzuliefer-Betriebe in Sprockhövel, allen voran die von Hausherr, waren weder innovativ noch verantwortungsbewusst“. Vorschläge der IG Metall Hattingen zur Überwindung der akuten Branchenkrise habe es in den letzten beiden Jahren reichlich gegeben. Am 14. Oktober sagte er in der Betriebsversammlung: Aus ideologischer Verblendung lehnten die Firmeninhaber unsere Vorschläge für Verbundlösungen und für eine Innovationsagentur ab.

Hinzu kam: Über Jahrzehnte prägten Kohle und Stahl das Ruhrgebiet und den Ennepe-Ruhr-Kreis. Der Strukturwandel in der Montanindustrie hatte insbesondere für die Städte Hattingen und Sprockhövel tiefgreifende Folgen. In Folge des massiven Kapazitätsabbaus im deutschen Steinkohlebergbau drohten weitere Beschäftigungseinbrüche im Bergwerksmaschinenbau. Hiervon war vor allem Sprockhövel mit seinen rund 24.500 Einwohnern betroffen. Die Bergbautradition in dieser Region wurde 1969 nach der Stilllegung der Zeche „Alte Haase“ durch die Betriebe der Bergbauzuliefer-Industrie fortgesetzt. Bei zwei Drittel der Unternehmen wurden mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze durch die Geschäftsbeziehungen zur Ruhrkohle AG, dem in NRW dominierenden Unternehmen des Steinkohlebergbaus, gesichert.

Angesichts dieser nicht rosigen Entwicklung beschlossen die Hausherr-Beschäftigten für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen. Sie setzten trotz ausstehender Löhne die Produktion fort und besetzten sofort den Betrieb. Nach der bitteren Erfahrung, dass ein Spediteur, dessen Rechnung über 17.000 DM offen war, sich kurzerhand an einer Großlochohrmaschine im Wert von 670.000 DM schadlos gehalten hatte, meldeten sich die Beschäftigten freiwillig zur „Wache“. In den nächsten Wochen sicherten jeweils mindestens acht Kolleginnen und Kollegen in Vier-Stunden-Schichten von 18 Uhr spätnachmittags bis sechs Uhr morgens das Vormaterial und die gefertigten Produkte.

Die Besetzer stellten ihre Demonstration am 21. Oktober unter das Motto „Sprockhövel ohne Hausherr – eine Stadt ohne Zukunft“. Unüberhörbar machten sich die 500 Demonstranten, mit dabei Beschäftigte der Firmen Hauhinco und Muckenhaupt und SeminarteilnehmerInnen aus dem IG Metall Bildungszentrum, auf dem Weg zum Bürgerhaus ihrer Wut Luft und skandierten: „Was ist Denver, was ist Dallas? Hausherr übertrifft alles!“ Auf der IG Metall-Kundgebung setzte sich Alfons Eilers mit den Anteilseignern auseinandersetzte und verlangte den Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Georg Dessel, ehemaliger Besitzer der Firma Wesero. An die Adresse der heimischen Kommunalpolitiker richtete Wolfgang Scheid die Aufforderung: „Wenn sie eine Geisterstadt verhindern wollen, kommen sie endlich aus dem Quark“.

Vier Tage später strömten Hunderte Bürgerinnen und Bürger in die Werkhalle 1 und bekundeten ihre Solidarität mit der kämpfenden Belegschaft. Kurz darauf trat Georg Dessel vom Aufsichtsratsvorsitz zurück. Der Märkische Arbeitgeberverband, dessen Vorsitzender er war, verbreitete, „systematische Diffamierungen, wie sie gegenwärtig von der IG Metall kampagnenartig betrieben werden, sind kein konstruktiver Beitrag zur Lösung unserer wirtschaftlichen Probleme“.  Dabei war es gerade die IG Metall, die gemeinsam mit dem Betriebsrat Gestaltungsinitiativen entwickelte und betriebliche Arbeitsgruppen zur Ergänzung und Weiterentwicklung des Dreijahreskonzeptes zur Fortführung von Hausherr & Söhne bildete.

Die Produktion sollte mit den beiden Standbeinen Senkmaschinen und Großlochbohrmaschinen mit reduzierter Belegschaft weiter betrieben werden. Der Zweite IGM-Bevollmächtigte regte die Gründung einer „Fertigungs-Gesellschaft“ in den freiwerdenden Produktionsräumen an. In diese Gesellschaft sollten rund 100 von Entlassung bedrohte Arbeitnehmer übernommen werden. Unter der Leitung von drei Meistern sollten Auftragsarbeiten für andere Bergbauzulieferbetriebe bzw. andere Metallbetriebe in der Region ausgeführt werden.

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Aktionswachen“ vor den Villen der Anteilseigner

Mitte November überschlugen sich die Ereignisse: Nachdem feststand, dass die Banken dem 2,6 Millionen-Kredit ohne eine Ausfallbürgschaft der Familien Zimmermann und Hausherr (1,1 Mio. DM) kein grünes Licht geben würden, stellte der vorläufige Vergleichsverwalter Dr. Schulz die Produktion an der Wuppertaler Straße ein.

Um einen Anschlusskonkurs zu verhindern, erhöhten die Beschäftigten den öffentlichen Druck auf die Kreditinstitute und Anteilseigner So fuhren hundert Beschäftigte am 16. November morgens nach Bochum und besetzten die Schalterhalle der Westfalenbank. Die Banker, auch die herbei geeilten Herren von der Dresdner Bank, erklärten den „Besetzern“: „Wir stehen zu unserem Kreditangebot, doch ohne eine Beteiligung der Anteilseigner gibt es keinen Massekredit.“

Mittags traf die gewerkschaftliche Interessenvertretung vor dem WKT- Werksgelände in Sprockhövel auf Rudolf Zimmermann und seinen Berater Georg Dessel. Währenddessen zogen vor dem Hausherr-Privathaus in Witten und der Zimmermann-Villa in Sprockhövel „Aktionswachen“ der Belegschaft auf, mit dem Ziel, die Anteilseigner zu einer Bürgschaft zu bewegen.

Schließlich eröffnete am späten Nachmittag Alfons Eilers im Hausherr-Verwaltungsgebäude die von der IG Metall zusammengetrommelte Gesprächsrunde – mit den Herren Zimmermann, Dessel, Hausherr, Gierke, Dr. Schulz und Betriebsratsvorsitzender Wolfgang Scheid. Heinrich-Rudolf Hausherr jammerte, die Ausfallbürgschaft sei ein zu „hohes persönliches Risiko“. Alle Beteiligten schworen sich dennoch in die Hand, alles zu versuchen, um das Unternehmen fortzuführen. Während die Gewerkschaft die Einladung für das Bankengespräch übernahm, führten der Bundestagsabgeordnete Adi Ostertag (SPD) und Landtagsvizepräsident Ulrich Schmidt (SPD) in Düsseldorf vorbereitende Gespräche wegen einer Landesbürgschaft.

Am Tag darauf appellierten die Stadtverordneten von Sprockhövel an die Pool-Banken „umgehend den Massekredit zu gewähren“ und an die Anteilseigner, „ihren Beitrag zu leisten, um die Fortführung von Hausherr zu ermöglichen“. Zur gleichen Zeit setzte sich am Bürgerhaus der „Lichterzug der Solidarität“ in Bewegung. 500 Menschen wanderten stadtauswärts zur besetzten Hausherr-Firma. In der Werkhalle 1 kündigte Wolfgang Scheid im Vorfeld des am nächsten Tag stattfindenden Bankengesprächs an, „die Belegschaft wird sich in Höhe von 50.000 Mark an der Bürgschaft beteiligen“.

Trotz all‘ dieser Bemühungen – am 19. Oktober versetzten die Vertreter der Westfalenbank und der Dresdner Bank dem Unternehmen Hausherr & Söhne den „Todesstoß“. Obwohl die Anteilseigner in der Frage „persönliche Bürgschaft“ Bewegung erkennen ließen, senkten die Banker den Daumen und lehnten den Massekredit zur Abdeckung von Verbindlichkeiten und zur Zahlung der Entgelte für die Beschäftigten ab. Ihre ablehnende Haltung begründeten sie mit der inzwischen eingetretenen katastrophalen Auftragslage. Die Geschäftsführer sahen sich außerstande, den bisher prognostizierten Umsatz von 6,8 Mio. DM darzustellen.

„Das Ende ist besiegelt“, lautete die schockierende Nachricht die Alfons Eilers in der anschließenden Betriebsversammlung bekannt gab. In der Werkshalle herrschten Betroffenheit und Bedrückung. Die Beschäftigten fühlten sich von den Banken, den Anteilseignern und den Geschäftsführern nach Strich und Faden zu recht verarscht. Die Betriebsbesetzung wurde aufgehoben. Der Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze und des Standortes war zu Ende.

Dennoch es war auch in diesem Fall richtig zu kämpfen: Wie sonst soll der gesellschaftliche Zustand überwunden werden, der abhängig Beschäftigten nur die Wahl lässt, entweder mit hängendem Kopf oder mit erhobenen Haupt in die Arbeitslosigkeit zu gehen.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quellen:
IG Metall Hattingen (Hrsg.) „Wir sichern unseren Betrieb“, Dokumentation – 36 Tage Kampf um unsere Arbeitsplätze bei Hausherr, Schnelldruck Velbert 1993
Otto König, „Band der Solidarität – Widerstand, Alternative Konzepte und Perspektiven“, VSA Verlag Hamburg 2012

Foto 1: Hausherr-Beschäftigte „besetzen“ die Schalterhalle der Westfalenbank in Bochum
Foto 2: Demonstration vor der Hausherr-Verwaltung an der Wuppertaler Straße in Sprockhövel
Fotos: IGM GH-Archiv

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