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„David gegen Goliath“ – StahlarbeiterInnen kämpften um ihre Hütte

Gebannt starren am 18. Dezember 1987 rund 2.500 Stahlarbeiter auf den Hochofen III. Noch einmal taucht der „schwarze Riese“ den Himmel in Rot, seine Gasfackel lodert im Wind. Die letzten 100 Tonnen Eisen fließen in den Torpedopfannenwagen. Plötzlich erschüttert ein lauter Knall das Werksgelände. Die letzten Gase verpuffen: Das stählerne Herz der Hütte ist tot. An diesem Dezembermorgen geht die 132jährige Geschichte der Henrichshütte in Hattingen zu Ende.

Es endete auch der seit zwölf Monate andauernde Kampf um den Erhalt des Stahlstandortes „Ein Kampf, der Schlagzeilen und Fernsehsondersendungen provozierte, selbstgefällige Politiker und scheinbar allmächtige Manager unsicher machte“, so der damalige WAZ-Redakteur Lutz Heuken. Im Schatten der Hochöfen vollzog sich eine kleine „Kultur-Revolution“. Kolleginnen und Kollegen, die ihr ganzes Leben nur auf Anweisung anderer gearbeitet hatten, engagierten sich selbstbewusst.

Es entstand eine neue soziale Bewegung – neben den betrieblichen Akteuren, den Betriebsratsmitgliedern, den Vertrauensleuten und ihrer IG Metall entwickelte sich ein Netzwerk von eng verbundenen und eigenständig agierenden Initiativen wie die Jugendinitiative, die Senioreninitiative, die Fraueninitiative und schließlich das Bürgerkomitee „Hattingen muss leben“.

Der Infarkt des stählernen Herzens

19. Februar 1987 – dieser Tag ging in Stadtgeschichte als „Schwarzer Donnerstag“ ein. Thyssen-Stahl-Chef Heinz Kriwet verkündete auf der 2. Grobblech-Spartenkonferenz das „Aus“ für den Stahlstandort Hattingen: Die Stilllegung der beiden Hochöfen, der 4,2-Meter-Grobblechstrasse, des Elektro-Stahlwerks und der Stranggießanlage, die Vernichtung von 2.904 Arbeitsplätze und die Einstellung der Ausbildung. Erstmals drohte in der deutschen Stahlindustrie ArbeitnehmerInnen die Massenentlassung.

Jetzt sollte eintreten, was die gewerkschaftliche Interessenvertretung seit geraumer Zeit befürchtete. Die ausstehende Entscheidung über die Neuzustellung der beiden Hochöfen hing seit Herbst 1986 wie ein Damoklesschwert über dem Standort. Die bestehenden Anlagen nicht zu modernisieren, wies daraufhin, dass der Stahlstandort scheibchenweise plattgemacht werden sollte – erst die Hochöfen, dann das Walzwerk und das Stahlwerk usw.

Aufschrei der 30.000

Hatten die Arbeitsplatzkiller im Thyssen-Konzern gehofft, mit ihrer Ankündigung Angst und Schrecken verbreiten zu können, dann hatten sie sich gründlich verrechnet. Die Hiobsbotschaft traf nicht nur den Lebensnerv der Beschäftigten, sondern den der ganzen Stadt. Die Stimmung schlug um in Empörung und Trotz. Aus der beschaulichen Altstadtidylle entwickelte sich ein Zentrum des Widerstands. „Wenn wir Widerstand sagen, dann meinen wir auch Widerstand und nicht das Verabschieden von Resolutionen“, sagte der IGM-Vertrauenskörperleiter Peter Maurer.

Es fanden keine Aktionen mehr statt, an denen nicht unterschiedliche Gruppen von BürgerInnen – Selbstständige, Beschäftigte aus Handel und Handwerk, Schüler und Lehrer, Pfarrer und Kulturschaffende – beteiligt waren. Nicht nur die Hüttenarbeiter, sondern auch Ministerpräsident Johannes Rau erlebte die erste Bäcker- und Fleischerdemonstration in der Ruhrstadt. Pfarrer Klaus Sombrowsky brachte es für alle mit christlichem Glauben auf den Punkt: „Erst wird gebetet, dann wird demonstriert.“ Gewerkschaftlich-betriebliche und politisch-kulturelle Gegenwehr verschmolzen zu einer Einheit.

Das zeigte sich am 18. März: 30.000 Menschen strömten auf den Rathausplatz und zeigten Flagge gegen die gnadenlose Politik der Kaputtmacher „Hattingen/Ruhr – der Name dieser Stadt soll verbunden sein mit der Schaffung eines Bündnisses all jener, die sich gemeinsam gegen die Kahlschlagpolitik wehren“, rief das geschäftsführende Vorstandsmitglied Hans Preiss der unübersehbaren Menschenmenge zu. Der „Stahlwerker-Song“ von Bernd Köhler, vorgetragen von der Mönninghoff-Songgruppe, schallte über den Platz: „Wir kommen aus Hattingen, Salzgitter und Kiel, wir kommen von der Ruhr, von der Saar. Und wir sind Stahlarbeiter und haben ein Ziel. Wir wollen leben – na klar“.

foto-2_baecker-und-fleischerdemoFoto: Fleischer und Bäcker sind mit den Stahlarbeitern solidarisch – Foto: Manfred Vollmer

Wir schützen unsere Arbeitsplätze

Demonstrationen, Mahnwachen, Auto-Corsen, eine Menschenkette, ein Dorf des Widerstands – die IG Metall Hattingen wählte Aktionsformen, an denen sich die Menschen breit beteiligen konnten.  Es waren diese phantasievollen Aktionen, die die Journalisten stets aufs Neue nach Hattingen zogen. „Es vergeht kein Tag, an dem nicht eine Aktion stattfindet. Es fällt mir und meinen Kollegen schwer, den Überblick zu behalten. Wir bitten um Verständnis, dass wir nicht über alles berichten können – und haben doch Verständnis dass alles wichtig ist“, so der damalige WDR-Redakteur Ralf Kapschak. Den Durchbruch in die überregionalen und internationalen Print-Medien gelang mit dem ganzseitigen Bericht „Der Infarkt des stählernen Herzens“ von Hans-Ulrich Jörges auf Seite Drei der Süddeutschen Zeitung.

Das Öffentlichkeitskonzept ging auf. Die Thyssen AG geriet in der veröffentlichten Meinung zunehmend unter Druck. Die betriebswirtschaftlichen Argumente des Konzerns kamen nicht rüber. Das Markenzeichen Thyssen stand selbst in bürgerlichen Blättern im Zusammenhang mit negativen Schlagzeilen über Massenentlassungen und Verödung von Stahlregionen. Es nützte auch nichts, dass „Bruder Kriwet“ in der Düsseldorfer Berger Kirche im Sommer des Jahres von der Kanzel herab predigte „Ja, ein Christ darf Hattingen stilllegen“.

Kampf um den Standort – Kampf für neue Beschäftigung

Im Lauf der Auseinandersetzung setzte die gewerkschaftliche Interessenvertretung auf eine „Doppelstrategie“: Betrieblicher Abwehrkampf, Beschäftigungssicherung und eine regional ausgerichtete, arbeitsorientierte Strukturpolitik bedingten einander. “Nicht zufällig war Hattingen die Wiege des Konzepts der Beschäftigungsgesellschaft, also einem Ansatz, der von den betrieblichen Bedingungen ausgeht, zugleich aber auf betriebsübergreifende Strukturpolitik und damit auf eine durch die gesellschaftlichen Bedürfnisse bestimmte Lösung abzielt“, erklärte Heinz Bierbaum, Abt. Wirtschaftspolitik der IG Metall.

Am 11. Juni kam es zur „Frankfurter Vereinbarung“: Die Stahlkonzerne verzichten auf betriebsbedingte Kündigungen und verpflichten sich, Ersatzarbeitsplätze zu schaffen, mit Bezug auf das IG Metall-Konzept „Beschäftigungsgesellschaft“. Die Zusagen standen unter dem Vorbehalt, dass die Bundesregierung Staatshilfen für die Finanzierung der Sozialpläne zusagte.

 foto-3_hungerstreik-der-frauenFoto: Kolleginnen der Fraueninitiative treten in den Hungerstreik – Foto: Monika Münster

„Es ist vorbei!“ „Die Verbrecher haben entschieden!“

Fünf Tage vor der Entscheidung im Thyssen-Stahl-Aufsichtsratssitzung griffen zwölf Kolleginnen der Fraueninitiative zum äußersten Mittel der Gegenwehr und traten in den Hungerstreik. Fünf Tage campierten sie im Zelt und Bauwagen vor dem Hütteneingang, um den öffentlichen Druck zu verstärken. Hunderte von BürgerInnen besuchten sie und brachten Solidaritätsspenden sowie Blumen.

Im Revier regte sich der Protest: 10.000 Arbeitnehmer der drei Hoesch-Stahlwerke traten in Dortmund in einen zwölfstündigen Solidaritätsstreik. In Hattingen bestiegen nachts Kollegen den Gasometer und entrollten ein riesiges Transparent „Hattingen muss leben“. Es war der Startschuss für die 24-stündige Arbeitsniederlegung. 14.000 Menschen demonstrierten erneut durch Hattingen. „Wenn der Thyssen-Aufsichtsrat gegen Hattingen und Oberhausen beschließen sollte, dann ist das eine Kampfansage an das ganze Revier“, stellte DGB-Bundesvorstandsmitglied Lothar Zimmermann fest.

„Sagen sie nein, Herr Scheel“, lautete der Appell am Tag der Entscheidung in der Frankfurter Rundschau, den als Erstunterzeichner Pastor Heinrich Albertz, das langjährige IG Metall-Vorstandsmitglied Hans Janßen, der Schriftsteller Martin Walser und Professor Harald Mattfeldt unterzeichnet hatten. Krupp-Arbeiter blockierten für eine Stunde die Rheinbrücke. Vor der Thyssen-Hauptverwaltung in Hamborn demonstrierten Duisburger Stahlarbeiter.

Die Hiobsbotschaft kam nachmittags Viertel vor fünf telefonisch im Betriebsratsbüro an. Kreidebleich bahnte sich der Betriebsratsvorsitzende Rolf Bäcker einen Weg durch die 4000-köpfige Menschenmenge. „Es ist vorbei!“ „Er hat Tränen in den Augen!“ „Die Verbrecher haben entschieden!“ Rolf war außerstande, das Ergebnis zu verkünden. Er wandte sich ab und weinte.

Der IG Metall-Bevollmächtigte trat ans Mikrofon und las seine Notizen vor: Die Arbeitnehmerseite beantragte, die Entscheidung über die Stilllegung der beiden Hochöfen und der 4,2-Meter-Grobblechstrasse zu vertagen. Der „neutrale“ Mann, Ex-Bundespräsident Walter Scheel, enthielt sich der Stimme, so dass der Antrag bei Stimmengleichheit zwischen Kapital- und Arbeitnehmerseite abgelehnt war. Dann wurden die Stilllegungsmaßnahmen mit der Stimme von Scheel beschlossen worden. Bis zum 23. September, wenn die Bundesregierung nach der Sitzung des EG-Stahlministerrates über Stahlhilfen entscheiden könne, werde es keine betriebsbedingten Kündigungen geben.

Es war da, das befürchtete Aus für „ihre Hütte“. Die Stahlwerker umarmten tröstend ihre Frauen bzw. umgekehrt. Sie waren zum Teil mit dem Kinderwagen zur Hütte gekommen, um ihren Männern in dieser schweren Stunde nah zu sein. Diese Szenen menschlichen Schmerzes und der Trauer wühlten auf. Viele schwankten zwischen Enttäuschung und Wut. Otto König versuchte Mut zu machen: „Wir sollten jetzt nicht auseinandergehen, indem wir den Kopf hängen lassen. Wir kämpfen weiter für unsere Arbeitsplätze, für die kommenden Generationen!“

Grundstein „Beschäftigungsgesellschaft“

Die meistgestellte Frage in den kommenden Tagen hieß: Wie geht’s weiter? Betriebsratsmitglieder und Vertrauenskörperleiter konkretisierten mit ihrer Gewerkschaft Überlegungen zum Thema „Beschäftigung Hattingen“. NRW-Arbeitsminister Hermann Heinemann sagte Unterstützung von Experten aus seinem Haus zu und legte am 19. August mit den Stahl-arbeiterInnen neben dem Werkseingang den Grundstein für die „Beschäftigungsgesellschaft Thyssen Henrichshütte 1987“.

Es waren  keine elf Tage im September, die die Welt verändert haben, aber elf Tage in denen die Stahlwerker erneut mit der Bevölkerung und MetallerInnen aus umliegenden und aus IGM-Verwaltungsstellen aus dem Bundesgebiet im „Dorf des Widerstands“ auf dem Thyssen-Gelände gegen die drohende Massenarbeitslosigkeit protestierten und über die geforderte Beschäftigungsgesellschaft und Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen diskutierten.

Massenentlassungen sind vom Tisch

Im fünften Stahlgespräch am 2. Oktober verständigten sich die Bundesregierung, die IG Metall und die Stahlindustriellen auf 600 Millionen Mark öffentliche Hilfen (Bund, Länder und EG-Mittel) zum Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen in der Stahlindustrie. Die Konzerne verpflichteten sich bis Ende 1989 keine „betriebsbedingten Kündigungen“ auszusprechen: Frühpensionierungen über Sozialpläne, konzerninterne Ver- und Umsetzungen, „freiwilliges“ Ausscheiden mit Abfindungen und Ersatzarbeitsplätze sollten den Abbau „sozial“ abfedern.

Als zehn Tage später 4.000 Hütten-Beschäftigte zur Belegschaftsversammlung in die Tennishalle am Büchsenschütz strömten, gab es keinen überschäumenden Jubel. Sie waren zwar stolz auf das was sie vollbracht hatten, sie wussten aber, der Kampf ist noch nicht zu Ende. Ihr Ziel war auf dem Transparent hinter dem Podium lesbar: „Jetzt Ersatzarbeitsplätze schaffen“.

StahlarbeiterInnen retten ihre Stadt

Im Frühjahr 1988 überschrieb die Zeitschrift GEO ihren Bericht über Hattingen „Eine Heimat geht bankrott“. Dass dies nicht eintrat, schon allein dafür hat sich der Kampf der Stahlarbeiter mit ihren Frauen und Kindern sowie ihrer Gewerkschaft IG Metall unterstützt durch die Bürgerinnen und Bürger der Region gelohnt. Der Strukturwandel in Hattingen wurde in den darauffolgenden Jahren durch die Landesregierung mit dem ZIM-Sonderprogamm und durch EG-finanzierte Förderprogramme unterstützt. Die von den Stahlarbeitern erstrittene erhöhte Förderquote führte zu ersten Um- und Neuansiedlungen im „Gewerbe- und Landschaftspark Henrichshütte. Der Leiter des LWL-Museums Henrichshütte stellte zu recht fest: „Die Solidarität des Jahres 1987 hat den freien Fall Hattingens in das wirtschaftliche und soziale Abseits verhindert.“

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quellen:
Otto König, „Band der Solidarität – Widerstand, Alternative Konzepte und Perspektiven“, VSA Verlag Hamburg 2012

Foto 1: „Menschenkette“ – 5000 schützen die Arbeitsplätze  Foto: Manfred Vollmer
Foto 2: Fleischer und Bäcker solidarisch mit den Stahlarbeitern Foto: Manfred Vollmer
Foto 3: Kolleginnen der Fraueninitiative im Hungerstreik vor der Hütte  Foto: Monika Münster

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