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„Den Opfern des Faschismus ein Gesicht geben“

Hattingen erinnerte an die Deportation ihrer jüdischen Mitbürger*innen

Am 28. April 1942 wurden 25 jüdische Mitbürger*innen aus Hattingen deportiert. Ihre Fahrt nach Zamosc, dem heutigen Polen und nach Theresienstadt dem heutigen Tschechien – war eine Fahrt in den Tod. 80 Jahre später – gaben Hattinger Bürger*innen bei einer Gedenkveranstaltung an historischen Orten in der Ruhrstadt den in die faschistischen Vernichtungslager Verschleppten Namen und Gesicht.

„Paten“ geben den Opfern ein Gesicht

25 „Paten“ erinnerten am Alten Bahnhof mit kurzen Texten und Bildern an das Leid der 25 Deportierten. Otto König, der ehemalige Erste Bevollmächtigte der IG Metall Gevelsberg-Hattingen erinnerte an den Arbeiter Max Markus aus der Heggerstrasse 35, der 33 Jahre auf der Henrichshütte beschäftigt war, bevor er nach Theresienstadt deportiert und später im Vernichtungslager Treblinka von den Faschisten ermordet wurde. Jutta Schäfer-Nolte, Mitglied der IG Metall-Delegiertenversammlung, berichtete über eine Elfjährige, die eng mit ihrer Mutter befreundet war und ins Vernichtungslager transportiert wurde. Es sprachen u.a. der ehemalige Polizist Rainer Sommer, Bürgermeister Dirk Glaser, der Künstler Egon Stratmann, Amtsgerichtsdirektor Christian Amann und Schüler*innen der Realschule Grünstrasse.

Gedenken an historischen Orten

Zum Auftakt der beeindruckenden Aktion versammelten sich die Teilnehmer*innen am Campingplatz Stolle an der Ruhr, in der unmittelbaren Nähe der ehemaligen „Alten Gewehrfabrik“, in der die jüdischen Mitbürger*innen, die zuvor in der Hattinger Altstadt wohnten bzw. Wohneigentum hatten, wie das bekannte „Bügeleisenhaus“, ghettoisiert waren. Stadtarchivar Thomas Weiß berichtete wie akribisch und perfide ausgehend von der Berliner Wannseekonferenz die Vernichtung der Juden betrieben wurde. Auch die Stadtverwaltung in Hattingen trug zu diesem barbarischen Verbrechen bei. Schüler*innen der Realschule Grünstrasse zeigten Bilder vom damaligen „jüdischen Ghetto“. Grigory Rabinovich, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, sprach darüber wie das jüdische Leben in Hattingen erlosch und erst Jahrzehnte später langsam wiederauflebte.

Wie vor 80 Jahren die Deportierten zu Fuß mit Wagen, auf denen ihre Gepäckstücke deponiert waren, am Tag öffentlich über die Ruhrbrücke zogen, machten sich die Teilnehmer*innen der Veranstaltung auf den Weg zum Alten Bahnhof. Hier begann mit der Deutschen Reichsbahn der Leidensweg der jüdischen Menschen, von dem sie nicht mehr zurückgekehrt sind. Ihr Hab und Gut, ihr Geld war zuvor beschlagnahmt worden, doch ihre „Fahrkarte in den Tod“ mussten sie noch selbst bezahlen. Die Hattinger Stadtbeamten ließen sich die Übergabe „des  menschlichen Transportguts“ vor der Abfahrt quittieren. Im städtischen Melderegister heißt es später: „Unbekannt verzogen.“

Rechtsradikalen das Handwerk legen

Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Maidanek, Mauthausen, Oranienburg, Ravensbrück, Sachsenhausen, Treblinka – diese Namen stehen stellvertretend für das menschenverachtende und mordende System der Nationalsozialisten. Ein System, das einen ganzen Kontinent mit Krieg und Terror überzogen hat, das über 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Ein System das der ehemalige AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alexander Gauland, als ein „Vogelschiss“ in tausend Jahren „erfolgreicher“ deutscher Geschichte verharmloste.

Das ist nicht nur widerlich, sondern auch gefährlich, denn diese Verharmlosung und die von Björn Höcke, AfD-Vorsitzender in Thüringen, geforderte „180-Grad-Wende“ in der Geschichtspolitik, zielen darauf ab, das Prinzip der Gleichwertigkeit aller Menschen anzugreifen und damit menschenfeindliche Politik und menschenfeindliche Äußerungen 80 Jahre nach dem Holocaust zu legitimieren.  Das nationalsozialistische Terrorregime ist und bleibt der Inbegriff der Menschenfeindlichkeit. Die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 ist und bleibt der Beleg dafür, wohin es im Extremfall führt, wenn man Menschen in solche von Wert und solche mit geringerem oder ohne Wert einteilt, wenn Rechtsradikalen nicht rechtzeitig das Handwerk gelegt wird. Dass dies geschieht, dazu müssen wir als Gewerkschafter*innen beitragen.

Autor: Otto König

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