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Der „Intertractor-Skandal“ an der B 7

Für den Niedergang der Intertractor GmbH, in der in Hoch-Zeiten rund 1.000 ArbeitnehmerInnen beschäftigt waren, machte das ehemalige Vorstandsmitglied Günther Heinrichs die Deutsche Bank verantwortlich. Der Ketten- und Rollenhersteller an der Hagener Straße in Gevelsberg entstand 1971 aus dem Zusammenschluss der Firmen: „Schmiedetechnik GmbH“ Hagen, „Tractortechnik Gebr. Kulenkampff“ Gevelsberg und „Rheinstahl Schmiedetechnik“ Wattenscheid.  Zehn Jahre später wurde das Unternehmen  in Intertractor Viehmann GmbH + Co.KG umbenannt.

Ende der 1980er-Jahre wollten die Gesellschafter ihre Anteile verkaufen. Die Geschäftsführer Heinrichs und Linser planten das Unternehmen als „Management-By-Out-Modell“ (MBO) fortzuführen. Die Deutsche Bank, die als Finanzier fungieren sollte, beauftragte die Unternehmensberatung Roland Berger mit der Prüfung. Im Buch „Der Intertractor-Skandal“ beschuldigte Heinrichs die Banker, sie hätten über ihre Lupia Beteiligungsgesellschaft mbH den Intertractor-Gesellschaftern ihre Anteile für 100 Mio. Mark abgekauft mit dem Ziel das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln und deren Aktien gewinnbringend zu versilbern.

Es war Mitte Dezember 1990 als in der Betriebsversammlung die Wellen der Empörung hoch schlugen. „Mit welcher Motivation soll hier noch einer arbeiten gehen“, donnerte der Betriebsratsvorsitzende Gerd Möller in die Aula der Schule „Am Schultenhof“. Es war bekannt geworden, dass100 der inzwischen 725 Beschäftigten in Gevelsberg und Wattenscheid entlassen werden sollten. IG Metall-Bevollmächtigter Franz Bogen warf den Verantwortlichen vor, nicht rechtzeitig neue Märkte erschlossen zu haben: „Moderne  Unternehmensführung ist das sicher nicht!“

Sechs Monate später verkündeten die Vorstandsmitglieder Greef und Linser die Schließung des Standortes Wattenscheid und die Verlagerung der Sparten Leit- und Antriebsräder sowie Unterwagenbau über die Ruhr an die Ennepe. Nachdem der Versuch der Deutschen Bank scheiterte, den Kauf des Unternehmens an die ehemaligen Anteilseigner rückabzuwickeln, wurde es Mitte der 1990er-Jahre an den Straßenfräser-Produzenten Wirtgen GmbH im rheinland-pfälzischen Windhagen verscherbelt.

Cavaliere Passini übernimmt und „bereinigt“

Nur zwei Jahre später erwarb Cavaliere Ivano Passini, Inhaber der italienischen Passini-Gruppe, seinen Konkurrenten in Deutschland. „Jetzt sind zwei sich ergänzende Unternehmen vereint, die auf dem Weltmarkt die Stellung der Gruppe festigen“, versuchte er die Skepsis der inzwischen auf 462 Beschäftigten zusammengestrichenen Belegschaft und ihres Betriebsrates zu zerstreuen:

Das gesunde Misstrauen der gewerkschaftlichen Interessenvertretung war allerdings gerechtfertigt. Der Tenor der Berichterstattung des neuen Geschäftsführers Horst Uhlenwinkel im Wirtschaftsausschuss veränderte sich im Laufe des Jahres 2000 von Sitzung zu Sitzung, bis es hieß: „Die Standorte in Italien und Spanien arbeiten kostengünstiger als in Deutschland.“ Wieder hieß das phantasielose Unternehmenskonzept: Verlagerung und Entlassung.

So sollte die Gevelsberger Leitradfertigung ins spanische Saragossa verlagert werden. Auf die schlechte Auslastung in der Ketten- und Bodenplattenfertigung reagierte die Geschäftsführung mit der Ankündigung von Entlassungen. In zähen Verhandlungen wurde für die rund 100 betroffenen Beschäftigten ein Sozialplan ausgehandelt. Aus der Konzernzentrale hieß es vollmundig: Diese Teilverlagerung der Produktion sichere „den Bestand der übrigen Produktionszweige“.

Diese „Bestandssicherung“ hatte nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum. Trotz ordentlicher Rendite am Gevelsberger Standort entschied die Konzernmutter Italtrac ITM SpA, die Konsolidierung der Gruppe auf dem Rücken der westfälischen ArbeitnehmerInnen auszutragen. Geschäftsführer Uhlenwinkel verkündete Ende Januar 2003 den Betriebsratsvorsitzenden Gerd Möller und Heinz Schneider im Wirtschaftsausschusses: Die Produktion der Ketten und Bodenplatten für Baumaschinen werden aus Gevelsberg nach Potenza (Italien) und Atibaia (Brasilien) verlagert. 230 der noch 336 Arbeitsplätze werden abgebaut.

„Ihr Konzept ist interessant“

Der Betriebsrat setzte mit Unterstützung des Bevollmächtigten der IG Metall Gevelsberg-Hattingen gegen den Widerstand des Geschäftsführers und des beratenden Vertreters des Bochumer Arbeitgeberverbandes eine Beratung der Interessenvertretung durch die arbeitnehmernahe PCG Project Consult GmbH in Essen durch. Hilfreich waren zu diesem Zeitpunkt die Veränderungen im novellierten Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) von 2001. Für Betriebsräte eröffneten sich dadurch neue Handlungsmöglichkeiten wie Initiativen zur Sicherung der Beschäftigung (§ 80 Abs.1) und Stärkung der  Initiativ- und Beratungsrechte (§ 92a).

Der Betriebsrat erteilte gemäß § 111 BetrVG der PCG Project Consult GmbH den Auftrag, eine „Plausibilitätsprüfung der geplanten Maßnahmen“ durchzuführen und mit Beschäftigten in moderierten Workshops „Alternativen zu erarbeiten“. Trotz konkreter Absprachen weigerte sich die Geschäftsführung mit Rückendeckung des Arbeitgeberverbandes nach Abschluss des Interessenausgleichs, die Beratungskosten zu übernehmen. PCG- Geschäftsführer Klaus Kost musste das verweigerte Honorar einklagen. Der  Prozess wurde gewonnen. Das Unternehmen musste zahlen.

Mitte März stellte Klaus Maack (PCG) in der Betriebsversammlung das gemeinsam erarbeitete „Alternativkonzept des Betriebsrates“ vor: Konzentration auf trockene und fettgeschmierte Ketten inklusive Service, Verlagerung der ölgeschmierten Ketten nach Potenza, Erhalt der Kapazität der Bodenplattenproduktion in Gevelsberg, Kompetenzzentrum Unterwagenbau und Montage, Eingliederung des Lagers in Haspe am Standort in Gevelsberg und Anpassung der Verwaltung sowie des Vertriebs. Das Einsparpotential bezifferte der Berater mit ca. 6 Mio. Euro. Während der neue Betriebsratsvorsitzende in der Werkshalle ergänzende Ausführungen machte, raunte Geschäftsführer Uhlenwinkel dem IG Metall-Bevollmächtigten zu: „Ihr Konzept ist interessant. Ich werde mich dafür in Italien einsetzen“.

Doch Ivano Passini, Freund der Jagd und von Ferraris,  dachte nicht daran, den Gesellschafter-Beschluss rückgängig zu machen. Dis brachte er sowohl in einem Gespräch gegenüber Wirtschaftsminister Harald Schartau Anfang April in Düsseldorf als auch gegenüber den Betriebsratsmitgliedern im „Haus Friedrichsbad“ in Schwelm zum Ausdruck. Aus Angst vor der Wut der betroffenen Kollegen weigerte er sich, das Gespräch in den Räumen seines Betriebs in Gevelsberg zu führen.

Die Argumente vom Betriebsrat und der Gewerkschaft, erreichten den Cavaliere nicht. Das lag nicht nur daran, dass die Wortbeiträge in die italienische Sprache übersetzt werden mussten. Es war die Arroganz eines Eigentümers, der sich durch die Vorschläge der gewerkschaftlichen Interessenvertretung in seiner „Entscheidungsfreiheit“ bedroht fühlte. Deshalb lehnte er die Alternativen rundweg ab und drängte auf schnelle Verhandlungen über einen Interessenausgleich und Sozialplan.

In den folgenden Verhandlungen konnte die betriebliche Interessenvertretung mit dem Druck der Belegschaft und Unterstützung ihrer IG Metall zumindest das Volumen für den Sozialplan und den Preis für die Transfergesellschaft BAQ noch oben drücken. Dennoch: Erneut gingen 236 Arbeitsplätze in der gebeutelten Stadt Gevelsberg verloren. Am 30. Juni wurde die Produktion der Ketten und am 30. November 2003 die Herstellung von Bodenplatten eingestellt. Schließlich übernahm im Jahr 2004 der Technologiekonzern Titan Europe mit Sitz in Großbritannien die Italtrac ITM SpA und damit die Intertractor GmbH mit 105 ArbeitnehmerInnen im südlichen Ruhrgebiet.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quellen:
Otto König, „Band der Solidarität – Widerstand, Alternative Konzepte und Perspektiven“, VSA Verlag Hamburg 2012

Der Intertractor-Skandal – ein Stück der Deutsche Bank AG, herausgegeben von Günther Heinrichs, als Manuskript gedruckt 2000

Foto: Gerd Möller, Vorsitzender des Betriebsrates der Intertractor GmbH und Mitglied in der Ortsverwaltung Gevelsberg 1990 (2. Reihe – 3.v.l.)

 

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