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„Die kurze Wut in einen langen Zorn verwandeln“

Sprockhövel. Der Himmel weint, als sich der Trauerzug auf dem Werksgelände Avery Dennison in Sprockhövel in Bewegung setzt. Begleitet von den Klängen einer Blaskapelle tragen die Beschäftigten symbolisch „ihre“ Firma zu Grabe. Vor dem Haupteingang setzten sie den Sarg ab und legten einen Kranz nieder. „Die Konzernherren im kalifornischen Pasadena haben es vollbracht. Heute endet die Textil-Etiketten-Ära in Sprockhövel“, sagte der stellv. Betriebsratsvorsitzende Dirk Kolwe.

Dazu benötigten die US-amerikanischen „Coupon“-Schneider gerade mal 15 Jahre. Noch im Herbst 2005 verkündeten die Paxar-Manager im britischen Watford, die fünf Jahre zuvor den Mittelständler Bornemann an der Harkortstraße in Haßlinghausen übernommen hatten, vollmundig: „Sprockhövel ist der sicherste Standort in Europa“.

Zwei Jahre später wurden die Paxar-Beschäftigten von der „freundlichen“ Übernahme durch den US-amerikanischen Konzern Avery Dennison überrascht. Zwei Jahre zuvor hatte Avery die Rinke-Etiketten GmbH an der Kleinbeckstrasse gekauft. Erneut hieß es: „Der Zusammenschluss mit Paxar erweitert unsere Präsenz im wachsenden Markt für Einzelhandel- und Markenkennzeichnung.“ Die Beschäftigten zahlten einen Teil der Kosten des Deals: Der Standort an der Harkortstrasse wurde stillgelegt, die Webproduktion und die angegliederten Bereiche wurden deutlich verkleinert. Von ursprünglich 500 Beschäftigten in beiden Betrieben blieben 150 auf der Strecke.

Betriebsrat und IG Metall plädierten nicht nur dafür, neue innovative Produkte zu entwickeln und neue Märkte zu erschließen, sondern führten mit der PCG in Essen einen Innovationsworkshop „Zukunft braucht Arbeit“ durch, um damit neue Beschäftigungsperspektiven zu eröffnen. Immerhin wurden gemeinsam mit den Beschäftigten alternative Konzepte zum Erhalt der Arbeitsplätze entwickelt. Doch stattdessen setzten die Konzernverantwortlichen und ihre als Geschäftsführer im Handelsregister eingetragenen Vollstrecker nur auf eine „Gesundschrumpfungs-Strategie“.

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Die Folgen bekamen die Kolleginnen und Kollegen im Jahr 2009 zu spüren, als es hieß der Konzern wolle sich „auf 200 TOP-Kunden konzentrieren und auf die Produktion von Webetiketten in Sprockhövel verzichten.“ Die Beruhigungspille, die jedoch bei den Betroffenen nicht wirkte, lautete: „Der Konzern will Sprockhövel zum europäischen Musterzentrum machen und bekennt sich damit weiter zu diesem Standort.“ Wieder verloren 169 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz.

Die Saat dieser fatalen und betriebswirtschaftlich unsinnigen Unternehmensstrategie ging endgültig im Frühjahr 2015 auf. Während der Vorsitzende der Avery Dennison Corporation, Dean A. Scarborough, in einer Mail an die “lieben Mitarbeiter” die hervorragenden Ergebnisse der Gruppe im 1. Quartal 2015 feierte, verkündete Geschäftsführer Jeremy Bauer die „Order“ aus der Konzernzentrale in Pasadena (USA) : „Der „Standort Sprockhövel des Textiletiketten-Spezialisten wird im Ersten Quartal 2016 endgültig stillgelegt.”

Jeco, Qint, Avery Dennison – immer wieder stellt sich die Frage: Warum dürfen Anteilseigner unter Berufung auf das Eigentumsrecht die Existenz von Beschäftigten und ihrer Familien vernichten und Wissen, Erfahrung und Qualifikation entschädigungslos enteignen? Warum ist das legitim? Alle diese Kolleginnen und Kollegen waren keine Illusionäre, sie haben sich mit ihren bescheidenen Mitteln gewehrt.

Es ist deshalb notwendig, die kurze Wut in einen langen Zorn zu verwandeln. Gerade deshalb ist der gemeinsame solidarische Kampf von Beschäftigten mit ihrer IG Metall in Zukunft noch wichtiger: Es gilt einen gesellschaftlichen Zustand zu überwinden, der den Menschen nur die Wahl lässt, entweder mit „hängendem Kopf“ oder „erhobenen Hauptes“ den Betrieb zu verlassen. Wir brauchen den Mut zum Handeln nicht als letztes Mittel, sondern als dauerhafte Einrichtung. Den Kolleginnen und Kollegen von Avery Dennison ein „Glück auf“ für ihre Zukunft.

Foto 1: Die Beschäftigten tragen symbolisch „ihre“ Firma zu Gabe
Foto 2: Der stellv. Betriebsratsvorsitzende Dirk Kolwe (r) spricht zu den Beschäftigten
Fotos: IGM-GH

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