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Die mit dem „weltweiten Blick“ haben entschieden

Sprockhövel. „Wir haben ihre Vorschläge zum Standort Sprockhövel intern im Konzern besprochen“, beginnt der Brief von Geschäftsführer Jeremy Bauer an die „sehr geehrten Betriebsratsmitglieder“, der mit der Mitteilung endet: „Nach genauer Prüfung (?) ihrer Vorschläge möchte Avery Dennison dennoch die geplante Standortschließung, wie im Schreiben vom 29.04.2015 mitgeteilt, durchführen.“

Zu Recht fragte schon eine Beschäftigte in der Betriebsversammlung Ende August skeptisch den anwesenden Prokuristen Bendig „wie können wir denn nachprüfen, was sie in den USA vortragen und wirklich diskutieren“. Wenn man das Schreiben genauer analysiert, kommt man sehr schnell zu dem Ergebnis, dass da nicht viel diskutiert wurde.

Die Entscheider mit dem „weltweiten Blick“ antworteten auf den Vorschlag des Betriebsrates „eine Mindestanzahl von Mitarbeitern zu behalten, die sämtliche Tätigkeiten ausführen“ lapidar: „Durch die geplanten Änderungen können wir uns Prozesse bündeln, was uns einen einheitlichen kosteneffektiven und verbesserten Service ermöglicht, um den sich veränderten Bedürfnissen unserer globalen Kunden gerecht zu werden.“ Eine ähnliche Aussage löste in der Betriebsversammlung höhnisches Gelächter aus.

„Es ist diese Ignoranz gegenüber einer Belegschaft, die sich über Jahre Wissen und Können angeeignet hat, sowie mit ihrer Erfahrung den Betrieb am Laufen hielt, damit die Kunden nicht abspringen, die unerträglich ist“, kommentiert Betriebsratsvorsitzender Dirk Kolwe die Antwort von Steve Mason, Vice President Commercial Europe und Elif Kagitcibasi, Vice President EMEA/ South Asia. Exemplarisch dafür ist beispielsweise das Abschmettern des BR-Vorschlages am Sprockhöveler Standort eine „Akademie zu entwickeln, um Mitarbeiter aus Europa weltweit schulen zu können“ mit dem arroganten Argument „Avery Dennison setzt auf online-Schulungen“.

Die Betriebsratsmitglieder, gestärkt durch die Rückendeckung ihrer Kolleginnen und Kollegen, gaben jedoch nicht auf, sondern wiesen den Geschäftsführer schriftlich daraufhin, dass es sich bei den BR-Vorschlägen nicht „um eine substantielle ausgearbeitete Version“ handle, sondern nur um „erste Eckpunkte“. Der Betriebsrat sei nach dem Wortlaut des „§ 92 a BetrVG in der Menge der Beschäftigungssicherungsvorschläge nicht begrenzt.“ Insoweit behalte sich das Gremium vor, die arbeitnehmernahe Beratung „PCG weitergehend in Anspruch zu nehmen.“

Diese konsequente Haltung des Betriebsrates ist nicht nur der unsicheren Zukunft der Beschäftigten des Textiletikettenherstellers an der Kleinbeckstrasse geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass die Geschäftsführung im Townhallmeeting nebenbei erwähnte, dass die beabsichtigte Betriebsänderung eine „größere Reduzierung der Beschäftigtenzahl“ zur Folge haben würde.

„Es ist ganz natürlich, dass die Interessenvertretung umgehend eine neue Gesamtdarstellung der geplanten Maßnahmen von der Geschäftsführung einfordert“, erklärt IG Metall-Sekretär Sven Berg. Es sei auch kein Blick durch die „Sprockhöveler Brille“, wenn der Betriebsrat das „vorgezogene Verhandeln eines Sozialplans“ ablehnen würde.

Foto: Betriebsversammlung des Textiletikettenproduzenten Avery Dennison in Sprockhövel
Foto: IGM GH-Archiv

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