AktuellesArtikelBetriebliches

Dieckerhoff Guss: Bitteres Lehrstück in Sachen „soziale Marktwirtschaft“

„Belogen und betrogen“

Gevelsberg. Am 1. Oktober 1900, ließ Heinrich Dieckerhoff in Gevelsberg das erste Betriebsgebäude für die Gießerei errichten. Ende Oktober 2020, 120 Jahre später, wird die Produktion der Dieckerhoff Guss GmbH stillgelegt. Dieckerhoff gehört zur GMH Guss GmbH – ein Verbund mittelständischer Gießereien in der Georgsmarienhütte Unternehmensgruppe (GMH). Die Frage, ob die Gevelsberger Gießerei in die Insolvenz getrieben wurde, wird wohl unbeantwortet bleiben. Die Kündigung des Gewinn-Abführungsvertrages im Januar 2018 eröffnete zu mindestens die Möglichkeit für die Insolvenz, ohne dass die gesamte Guss-Gruppe hinein gezogen wurde. Die nun verbreitete Begründung die Corona-Pandemie sei schuld ist jedenfalls ein Vorwand. 

Fest steht: Die gravierenden Managementfehler und Investitionsstaus in den vergangenen Jahren sowie die Unterkapitalisierung des Unternehmens haben entscheidend dazu beigetragen, dass am 23. Juni der Antrag beim Amtsgericht Hagen auf ein Insolvenz- „Schutzschirmverfahren“ gestellt werden musste. Da die „Fortführungsbemühungen“ nicht erfolgreich waren, wurde Anfang September das „Eigenverwaltungsverfahren“ eröffnet, an dessen Ende nun die „Ausproduktion“ also die Abwicklung steht. Die Verwertung des Anlagevermögens soll durch die Firma IVG in Bonn „online“ erfolgen.  Damit endet in der Stadt an der Ennepe ein bitteres Lehrstück in Sachen „sozialer Marktwirtschaft“. Leidtragende sind die rund 220 Beschäftigten und ihre Familien, die vor einer ungewissen Zukunft stehen.

Im Jahr 2000 als die GMH in Osnabrück die Gießerei von der Ruhrkohle AG (RAG) übernommen hat, publizierte der GMH-Gesellschafter Dr. Jürgen Großmann am 27. Januar 2000 gegenüber den Beschäftigten: „Wir wollen auf Dauer in Gevelsberg bleiben und wenn sie wollen, können auch ihre Kinder hier einen Arbeitsplatz bekommen“. Damit hielt auch in Gevelsberg das „Großmannsche Modell“ Einzug: Betriebe aufkaufen, nicht mit Kapital ausstatten, sondern auf Kosten der Beschäftigten sanieren und im Gegenzug zugesagte Investitionen nicht auslösen.

Beschäftigten wird „in die Tasche gegriffen“

Seit der Jahrhundertwende zieht sich wie ein roter Faden das Thema „Mitarbeiterbeiträge“ durch die jüngere Geschichte der Gießerei. Seit 20 Jahren erleben der Betriebsratsvorsitzende Sadi Demir und der Betriebsrat Herbert Uppendahl immer wieder, wie ihren Kolleginnen und Kollegen „in die Tasche gegriffen“ wurde, um so die Begründung “den Standort zu retten“, sagt Sadi Demir. „Immer wieder wurden wir belogen und nun sollen die Beschäftigten auch noch betrogen werden“.

Die Argumentationen der Geschäftsführungen bzw. der Vertreter aus der Guss-Gruppe wiederholten sich: Entweder wollte man mit „Dumpingpreisen Marktanteile gewinnen“ (2000) oder es hieß Dieckerhoff sei „defizitär, entweder werde in neue Anlagen investiert, oder es müsste aufgrund des Umsatzeinbruches Personal abgebaut werden“. (2003) Die Gießerei befinde sich in einer existenzbedrohenden Krise, da die Anteilseignerin GMH sich weigere, den fehlenden finanziellen Betrag für Dieckerhoff auszugleichen. (2010)

Und als sechs Jahre später für den Gevelsberger Standort endlich „Licht am Ende des Tunnels“ zu sehen war, ist die gesamte Guss-Gruppe u.a. durch nicht ausgelöste Investitionen und damit ausbleibende Innovationsschübe in eine „wirtschaftliche Schieflage“ geraten. Wieder begann das bekannte Spiel: Der Gesellschafter weigert sich, trotz vollzogenen Personalabbau die aufgelaufenen Verluste auszugleichen, wieder werden die Beschäftigten geschröpft, um die Sanierung zu finanzieren. Obwohl die Gevelsberger Belegschaft noch einen Anspruch „auf einen Besserungsschein in Millionenhöhe“ hatte, mussten sie einen weiteren „Solidarbeitrag“ für die gesamte Guss-Gruppe leisten“, so Herbert Uppendahl (2016)

„Wir standen vor der Wahl zwischen Pest und Cholera“

„In all den Jahren standen wir vor der Wahl zwischen Pest und Cholera“, berichtet Sadi Demir. Gemeinsam mit der IG Metall Gevelsberg-Hattingen hätten sie den von den Geschäftsführern vorgelegten „Horror“-Verzichtskatalogen – „Verzicht auf das Urlaubs- und Weihnachtsgeld 2010/11, unbezahlte Verlängerung der Arbeitszeit, Kürzung der tariflichen Urlaubstage, Nichtauszahlung der Tariferhöhungen und pauschale Kürzung der Prämienlöhne um 15 Prozent“ – die Giftzähne gezogen. Für die Laufzeit der „Vereinbarung zur Standortsicherung“  habe der Betriebsrat jeweils eine Beschäftigungssicherung und Besserungsscheine, sprich Rückzahlmodalitäten für die eingebrachten finanziellen Beiträge der Beschäftigten vereinbart sowie die Auslösung dringend notwendiger Investitionen.

Heute weigern sich die Verantwortlichen den Anspruch der Beschäftigten aus dem „offenen Deckel in Höhe von 1,4 Mio. Euro“, mit dem Verweis auf die Insolvenz auszuzahlen. „Obwohl die Kolleginnen und Kollegen immer wieder dazu beigetragen haben, dass der Betrieb weiter gelaufen ist, sollen sie nun betrogen werden“, kritisieren die beiden Gewerkschafter, das Verhalten der Arbeitgeberseite: „Den Betrag könnte Dr. Großmann aus der Portokasse der Holding bezahlen.“

In den zurückliegenden Jahren und bis heute hatte der Betriebsrat unablässig auf die „hausgemachten Probleme“, wie beispielsweise mangelnde Prozessbeherrschung und hohe Qualitätskosten, die den Betrieb in die Schieflage brachten und fortwährend neue Sanierungspläne produzierte, aber auch auf Alternativen, hingewiesen. Letzteres führten dazu, dass die Kosten für die Qualität für einen Zeitraum von rund 17 auf 4 Prozent gesenkt und durch die Senkung von Mehrarbeitsstunden für Nacharbeiten Kosten eingespart werden konnten.

Im Jahr 2018 war es dann wieder soweit. Ein weiterer Antrag auf Tarifabweichung wurde bei der IG Metall Geschäftsstelle eingereicht. Die ausbleibenden Investitionen in Anlagen im Zusammenhang mit der Umstellung auf Stahlguss ließen die Qualitätskosten wieder ansteigen. „Fehlende oder falsche Kalkulationen für Bauteile verschärften die Situation“, schildert der Betriebsratsvorsitzende die sich erneut zuspitzende Situation. Schließlich haben „waghalsige Preiskalkulationen“ das Ende der Gießerei eingeläutet. Die Verantwortlichen in der Guss-Gruppe hätten zwar bei den wichtigsten Kunden Daimler und Porsche Erhöhungen der Preise durchgedrückt, jedoch mit der Folge, dass die beiden Automobilproduzenten ihre „Longlife“ Verträge mit Dieckerhoff kündigten. Darüber hinaus wurden die Verträge mit einem weiteren Hauptabnehmer, dem Automobilzulieferer Borgwarner, gekündigt.

Zu Recht fragen sich die Beschäftigten und ihre Interessenvertretung: Sollte die Dieckerhoff Guss GmbH in Gevelsberg ausgeblutet und ihr Ende eingeleitet werden? Natürlich ist es richtig, dass die flächendeckenden Produktionsstilllegungen der Automobilproduzenten aufgrund der Corona-Pandemie im Frühjahr die Lage der Gießerei verschärften, „doch die Hauptkunden wurden vor der Corona-Krise vergrault“, betont Sadi Demir. Und jetzt heiße es, die Gießerei könne nicht weitergeführt werden, da alle Gespräche mit möglichen Kaufinteressenten negativ verlaufen sind, „da es keine dauerhaften Kundenbeziehungen für 2021 gibt“. Dass der Betrieb stillgelegt, die Arbeitsplätze vernichtet und die Beschäftigten belogen werden, das verbittert die Kolleginnen und Kollegen noch mehr, fassen Demir und Uppendahl die Stimmung im Betrieb zusammen. 

„Transfergesellschaft“ durchgesetzt 

In den Verhandlungen über einen Interessenausgleich ist es dem Betriebsrat und der IG Metall gelungen, die Einrichtung einer Transfergesellschaft (TG) durchzusetzen, in die die „Noch“-Beschäftigten ab dem 01. Oktober und später wechseln können. Der Großteil von ihnen kann acht bis zwölf Monate die TG in Anspruch nehmen und erhält in dieser Zeit 80 Prozent (KUG plus Aufstockungsbetrag) seines letzten Monatsentgelts. Darüber hinaus stehen der TG Gelder für Qualifizierungsmaßnahmen zur Verfügung. Der Gläubiger-Ausschuss stellte dafür 4,6 Mio. Euro bereit. „Angesichts der alles andere als zufriedenstellenden Insolvenz-Bedingungen ist diese Vereinbarung noch das Beste was wir für unsere Kolleginnen und Kollegen rausholen konnten“, stellt Sadi Demir fest. „Dennoch wird es für die meisten Betroffenen sehr schwer werden etwas Neues zu finden, zum einen ist der größte Teil der Beschäftigten an- und ungelernt und zum anderen stellen in der Corona-Krise Unternehmen kaum neue Leute ein“.

„24-Stunden-Streik“ während der Tarifrunde Foto: Thomas Range

„Verlassen den Betrieb mit erhobenen Haupt“   

„Trotz aller Bitternis werden wir den Betrieb mit erhobenen Haupt verlassen“, erklären Sadi Demir und Herbert Uppendahl sowie ihre Betriebsratskollegen. Sie sind stolz auf ihre Tradition als Dieckerhoffer: Es waren die Former von Heinrich Dieckerhoff die mit ihrer Forderung nach sechs Prozent mehr Lohn schon im Jahr 1910 einen 17-wöchigen Arbeitskampf in Gevelsberg, Hagen, Milspe, Schwelm und Voerde auslösten.  Auf die vom Deutschen Metallarbeiterverband, Vorläuferorganisation der IG Metall, in Gang gesetzte breite Streikbewegung reagierte der Metallarbeitgeberverband mit Aussperrung. Letztlich siegte die Solidarität der Streikenden und Ausgesperrten.

Mehr als 100 Jahre später, im Frühjahr 2018, war auf deutsch und türkisch -„Streik“ bzw. „Grev“ – am Werkstor zu hören. Wieder standen die Dieckerhoffer mit ihrem „24-stündigen Streik“ in vorderster Reihe, und trugen und damit zum Tarifabschluss in der Metallindustrie bei. Die Insolvenz konnte nicht verhindert werden: Die Kolleginnen und Kollegen verlieren ihre Arbeitsplätze, die Stadt Gevelsberg erneut industrielle Produktion und die IG Metall vor Ort eine kämpferische Belegschaft. „Ihnen gehört unser ganzer Respekt“, sagt die IG Metall-Bevollmächtigte Clarissa Bader.

Autor: Otto König

Weitere Artikel

Back to top button
Close