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„Eiskalter Kahlschlag“ – Linde Kältetechnik GmbH in Schwelm dem Profit geopfert

18.000 Menschen demonstrierten am 20. Februar 1988 durch die Innenstadt von Hattingen und skandierten „Arbeit für alle“. Unter ihnen eine große Abordnung von Beschäftigten der Linde Kältetechnik in Schwelm, die um ihre Arbeitsplätze bangten. Der Gevelsberger IG Metall-Bevollmächtigte Franz Bogen geißelte auf dem Rathausplatz am Mikrofon und das Vorhaben des Konzerns, das gut ausgelastete und profitabel arbeitende Werk in Schwelm stilllegen und 500 Arbeitsplätze vernichten zu wollen.

Ein Jahr zuvor weitete die Gruppe Kälte- und Einrichtungstechnik der Linde AG ihren Umsatz erheblich aus. Die Auftragseingänge für gewerbliche Kühl- und Tiefkühlmöbel, Kältesysteme und Ladeneinrichtungen nahmen exorbitant zu. Während die Kühl- und Tiefkühlmöbel in Mainz-Kostheim und Schwelm produziert wurden, erfolgte die Fertigung der Kältesysteme in Köln-Sürth und die Ladeneinrichtungen in Bad Hersfeld.

Die beiden Kühlmöbelwerke arbeiteten Anfang 1988 an ihrer Kapazitätsgrenze. Deshalb ließ der Linde Vorstand zwei Varianten zur Erweiterung der Fertigungskapazitäten rechnen: 1. Ausbau und Sanierung der beiden Werke Mainz-Kostheim und Schwelm; 2. Bau eines neuen Werkes an einem der beiden Standorte. In dieser Phase bot AEG sein nicht ausgelastetes Werk Duofrost GmbH in Mainz-Kostheim Linde zum Kauf an. Für den nach Profit gierenden Linde-Vorstand war dies ein „Geschenk Gottes“: Die zum Kauf angebotene Liegenschaft mit ca. 100.000 qm in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt entsprach exakt der geplanten Variante 2.  Damit stand das Werk Schwelm, das schwarze Zahlen schrieb und erheblich zum Ergebnis der Linde AG beitrug, zur Disposition.

Vorstandsvorsitzender Dr. Hans Meinhardt informierte Ende Januar 1988 emotionslos die Betriebsratsvorsitzenden der Gruppe Kälte- und Einrichtungstechnik in Wiesbaden. Unter ihnen die Schwelmer Betriebsratsvorsitzenden Horst Wolf und Friedhelm Rexhäuser. Tags darauf informierte die Werksleitung in Schwelm den Betriebsrat und die IG Metall. In Windeseile verbreitete sich in der Fertigung und in der Verwaltung die Hiobsbotschaft, dass der Standort ab Januar 1989 in Etappen geschleift werden soll.

 „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“

In seinem Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ kritisiert der in Schwelm geborene Liedermacher Franz-Josef Degenhardt die Diskriminierung von Arbeiterkindern. Die Linde- Beschäftigten, die seit Wochen Sonderschichten verfuhren, fühlten sich nicht nur diskriminiert, sondern auch verarscht. Dem ungläubigen Staunen über die Entscheidung im fernen Mainz folgten rasch Protestaktionen. Politik und Öffentlichkeit der Kreisstadt wurden mobilisiert.

Auf Anregung der IG Metall Gevelsberg trafen sich am 2. Februar der Bürgermeister Rainer Döring und die Vorsitzenden der Ratsfraktionen der Stadt Schwelm mit dem Betriebsrat, um gemeinsame politische Initiativen zu ergreifen. NRW-Arbeitsminister Hermann Heinemann appellierte an den VEBA-Vorstandsvorsitzenden Rudolf von Benningsen-Foerder und den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Dr. Alfred Herrhausen, die geplante Schließung zu verhindern: Gleichzeitig bot die Stadtverwaltung dem Konzern 84.000 Quadratmeter Gewerbefläche zur Ausweitung des Werkes an.

Als Vorstandsmitglied Gerhard Full zu Gesprächen mit dem Betriebsrat und der IG Metall ins Schwelmer Werk kam, legten die ArbeitnehmerInnen die Arbeit nieder und blockierten drei Stunden die Saarstraße. Gerhard Full wollte schnell über einen Interessenausgleich und Sozialplan verhandeln. Dagegen setzten Horst Wolf und Franz Bogen die Forderung der Belegschaft nach Erhalt des Standortes. Für die betriebliche Interessenvertretung und ihre Gewerkschaft stand fest: „Linde muss in Schwelm bleiben!“

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„Wir müssen den Männern helfen, allein schaffen sie es nicht!“

Gemeinsam mit Vertretern der evangelischen Kirche, der politischen Parteien gründeten die Gewerkschafter einen Verein mit gleichem Namen. Dieser koordinierte die öffentlichkeitswirksamen Aktionen in der Region: Das Sammeln von Unterschriften „Für den Erhalt der Arbeitsplätze“ an Informationsständen in der Innenstadt sowie das Initiieren der Protestschreiben von Schülern an die Konzernspitze. Am 6. Februar kam es zu einer ersten Kundgebung mit großer Beteiligung aus der Bevölkerung in der Schwelmer Innenstadt.

Derweil schalteten im Betrieb die Beschäftigten unter Inkaufnahme von Lohneinbußen auf „Dienst nach Vorschrift“ um. Keine Überstunde, keine Sonderschicht wurde mehr verfahren. Die Geschäftsleitung beklagte gegenüber dem Betriebsrat einen Produktionsrückstand von 900 Kühlmöbeln und drohte auf Aushängen sie würden nicht hinnehmen, dass „die Mitarbeiter ihre tägliche Arbeitsleistung zurückhalten und dadurch schweren Schaden verursachen“ würden.

Trotz massiver Proteste beschloss der Aufsichtsrat Mitte Februar den Kauf des Geländes der Duofrost GmbH in Mainz-Kostheim. Am gleichen Abend trafen sich auf Einladung der IG Metall und der evangelischen Kirche 200 Frauen von Beschäftigten und Unterstützerinnen. „Wir müssen den Männern helfen, allein schaffen sie es nicht“, rief Gabi Buchner, die dieses Treffen mitorganisiert hatte den empörten Frauen zu.

Wie wichtig das wurde, zeigte sich in den kommenden Tagen, als es plötzlich hieß, im Werk sollen Maschinen abgebaut und nach Mainz transportiert werden. Zum Schutz der Arbeitsplätze bildete sich eine „Menschenkette um das Werksgelände“. Über eine Woche „belagerten Beschäftigte und ihre Betriebsratsmitglieder das Werk“, schilderte Martina Prange die Aktion.

Erst Teilbetrieb gesichert, dann folgte der Kahlschlag in Schwelm

Die Konzepte des Betriebsrates zur Erhaltung des Kühlmöbelwerkes stießen jedoch in der Konzernzentrale der Linde AG in Mainz auf taube Ohren. Doch durch den öffentlichkeitswirksamen Druck gelang es, die völlige Stilllegung des Werkes zu verhindern. Nach langwierigen Verhandlungen mit der Geschäftsführung wurde am 12. September 1988 in einem Interessenausgleich die „Aufrechterhaltung eines Teilbetriebs in Schwelm mit 120 Arbeitnehmern für sieben Jahre“ festgeschrieben. Dagegen sollte die Hauptproduktion bis Mitte 1991 am Standort auslaufen und in Mainz konzentriert werden. Die Verhandlungen über einen Sozialplan gestalteten sich schwieriger – erst im Frühjahr 1989 wurde ein Abschluss erzielt.

Aus den sieben wurden zwölf Jahre. Zwischenzeitlich hatte die Linde AG in Beroun in Tschechien, 30 Kilometer nordwestlich von Prag, ein neues Werk für Kühlmöbel gebaut. Mitte Juni 2001 wurden der Betriebsratsvorsitzende Klaus Marksteiner und seine Stellvertreterin Roswitha Sasse in der Sitzung des Wirtschaftsausschusses, mit dem „Todschlagargument“ konfrontiert, die „Fertigungsstunde in Schwelm beträgt 50 Mark dagegen in der Tschechischen Republik nur etwa sechs“.

Ohne Skrupel verkündete der Vorstand: Die Fertigung aus Westfalen werde in Beroun konzentriert und das Werk in Schwelm endgültig zum 31. Dezember 2002 geschlossen. „Es gelang uns zwar, einen mit fünf Millionen DM ausgestatteten Sozialplan für die betroffenen 88 Beschäftigten zu vereinbaren, doch dies war kein Ersatz für Arbeitsplätze“, kommentierte der damalige Zweite IGM-Bevollmächtigte Jochen Stobbe den eiskalten Kahlschlag.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quellen:
Otto König, „Band der Solidarität – Widerstand, Alternative Konzepte und Perspektiven“, VSA Verlag Hamburg 2012

Foto 1: Linde-Beschäftigte demonstrieren im Februar 1988 vom Werk in den Innenstadt von Schwelm
Foto 2: Die ArbeitnehmerInnen schützen ihre Arbeitsplätze an der Saarstraße
Fotos: IGM GH-Archiv

 

 

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