AktuellesIG Metall

„Es geht um Wertschätzung“

Jahresrückblick: Interview mit Clarissa Bader und Mathias Hillbrandt

Im Interview sprechen die beiden Bevollmächtigten der IG Metall Ennepe-Ruhr-Wupper Clarissa Bader und Mathias Hillbrandt über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Betriebe und Beschäftigte in der Region sowie auf die gewerkschaftliche Arbeit, und über die anstehende Metall-Tarifrunde in Zeiten der Pandemie.

Wie ist die aktuelle Lage in den Betrieben der Region?

Clarissa Bader: Die Lage ist sehr durchwachsen – wir haben in der Region einen Mix aus unterschiedlichen Branchen und Betriebsstrukturen. Wir haben Betriebe, die haben kaum Auswirkungen gespürt auf Grund der Corona-Pandemie andere sind ziemlich gebeutelt und haben mit Entlassungen, Abweichungen vom Tarifvertrag oder Insolvenzen zu kämpfen. Aber man kann auf jeden Fall feststellen, dass die Kurzarbeit entscheidend dazu beigetragen hat, dass Beschäftigung gehalten werden konnte. Ähnlich wie in der Finanzkrise 2009 ist in der jetzigen Corona-Krise die Kurzarbeit das wichtigste arbeitsmarktpolitische Instrument. Wir stellen aber fest, dass die Corona-Pandemie insbesondere in einigen Konzernen dazu benutzt werden soll, um Restrukturierungs- und Rationalisierungsprogramme schneller voranzutreiben oder wie bei Schaeffler die Produktion zu verlagern. Wir haben es aber auch mit Betrieben zu tun, die aufgrund von Managementfehlern schon vor der Corona-Krise wirtschaftliche Probleme hatten und bei denen die Pandemie nun als Brandbeschleuniger wirkt. In Gevelsberg führte das zum Beispiel zur Insolvenz der Dieckerhoff Guss GmbH. Die Produktion wurde stillgelegt und die rund 200 Beschäftigten verloren ihren Arbeitsplatz.

Mathias Hillbrandt: Wir haben auch Betriebe, die von der Corona-Pandemie profitiert haben, wie zum Beispiel die Firma Vorwerk aus Wuppertal oder die Firma ABC in Ennepetal, die die Spax Schrauben herstellen, dort werden gerade Einstellungen getätigt. Wir sehen auch in anderen Bereichen, wie im Maschinenbau einen positiven Trend. Das macht uns natürlich Hoffnung. Wohingegen der ganze Stahlbereich ziemlich in Schieflage geraten ist, wie man am Stahlwerk DEW in Witten sieht, dort sollen die Beschäftigten erneut einen Beitrag zur Restrukturierung leisten oder die Firma Carp und Hones in Ennepetal, die bereits zum 2. mal in einem sogenannten Schutzschirmverfahren sind.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die Beschäftigten?

Clarissa Bader: Die Kolleginnen und Kollegen spüren die Auswirkungen in allen Arbeits- und Lebensbereichen. Sie hatten bzw. haben durch Kurzarbeit finanzielle Einbußen. Viele Familien mussten ihren Alltag völlig neu organisieren, weil Kitas und Schulen dicht waren. Das war und ist eine große Herausforderung für alle. Dazu kommen noch die Ängste um die eigene Gesundheit und die Sorge um die Angehörigen. Einige konnten zumindest zeitweise im Homeoffice arbeiten für viele Kolleg*innen ist das aber auf Grund ihrer Tätigkeit gar keine Option.

Reichen denn die Arbeitsschutzmaßnahmen aus?

Mathias Hillbrandt: Zu Beginn der Pandemie wurde über die Ansteckungsgefahr durch das Covid-Virus am Arbeitsplatz häufiger berichtet, so beispielsweise beim bayrischen Automobilzulieferer Webasto oder die Massenausbrüche auf den Tönnies-Schlachthöfen. Während heute über offene Schulen und schlecht gelüftete Klassenzimmer sorgenvoll gestritten wird, kommt das Thema Ansteckungsrisiko am Arbeitsplatz in der öffentlichen Debatte quasi kaum mehr vor. In den Betrieben wird in den überwiegenden Fällen schon viel für den Arbeits- und Gesundheitsschutz getan. Gefragt sind aber auch eine klare und offene Kommunikation sowie eine enge Einbindung der Beschäftigten in die Entwicklung und Umsetzung von effektiven Hygienekonzepten. Die Einhaltung der Hygiene-Regeln muss stärker kontrolliert werden. Arbeitgeber müssten verpflichtet werden, den Aufsichtsbehörden mitzuteilen, was sie für den Arbeitsschutz tun. Dadurch hätten die Arbeitsschutzkontrolleure Anhaltspunkte, wo sie genauer hinschauen müssen.

Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie auf die gewerkschaftliche Arbeit aus?

Clarissa Bader: Für uns als Gewerkschaftssekretär*innen ist die Arbeit unter Covid-Bedingungen schon eine große Umstellung. Steht doch eigentlich der direkte Kontakt mit den Menschen im Mittelpunkt. Ein Teil unserer Arbeit ist die Information, Beratung und Diskussion mit unseren betrieblichen Kolleg*innen in Betriebsrats- und Vertrauensleutesitzungen oder im Rahmen von Betriebsversammlungen. Oder auch Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite. Momentan läuft viel über digitale Formate wie Zoom oder Skype. Aber auch wenn wir in den Betrieben unterwegs sind, ist es alles anders als gewohnt, da heißt es Maske tragen und Abstand halten. Wir haben auch einen Teil unserer Arbeit aus dem Homeoffice erledigt, aber wir sehnen uns alle nach dem persönlichen Kontakt mit unseren Kolleg*innen. Trotz der schwierigen Umstände ist es uns gelungen, dass zum Beispiel in zwei Betrieben neue Betriebsräte gewählt werden konnten. Auch die Wahl der Vertrauensleute und Jugend- und Auszubildendenvertreterinnen konnte unter diesen erschwerten Bedingungen erfolgreich durchgeführt werden. Wir haben festgestellt, dass mit etwas Kreativität viel möglich ist.

Mathias Hillbrandt: Die 1.Mai-Kundgebung in diesem Jahr haben wir mit Abstand im Autokino in Gevelsberg veranstaltet. Die DEW-Vertrauensleutesitzungen fanden stehend im Freien auf dem Hof des Wittener Gewerkschaftshauses statt. Zur konstituierenden Delegiertenversammlung der Geschäftsstelle Ennepe-Ruhr-Wupper im September konnten wird uns unter Einhaltung strenger Hygieneregeln gemeinsam in der großen UNI-Halle in Wuppertal treffen. Jetzt im Dezember während des Teil-Lockdowns mussten wir eine „Digitale Delegiertenzusammenkunft“ abhalten. Der Einsatz neuer Medien ist schon hilfreich, doch es fehlt halt die Atmosphäre von lebendigen Zusammenkünften. Zur Information unserer Mitglieder nutzen wir auch den gemeinsamen Internetauftritt oder unsere Facebookseite.

Die früher eigenständigen Geschäftsstellen Gevelsberg-Hattingen, Witten und Wuppertal haben sich in diesem Jahr zur neuen IG Metall-Geschäftsstelle Ennepe-Ruhr-Wupper zusammengeschlossen. Für euch eine wichtige Entscheidung?

Clarissa Bader: Wir konnten mit Unterstützung unserer ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen im September den Fusionsprozess der letzten Jahre mit der Wahl der beiden Bevollmächtigten und der 27 Ortsvorstandsmitglieder abschließen. Zuvor wurden in 35 Wahlbezirken insgesamt 175 Delegierten gewählt, davon 69, die erstmals die Funktion übernommen haben. Es war und ist wichtig und richtig, dass wir uns früh genug auf den Weg gemacht haben, die Kräfte in der Region zu bündeln, wir haben viele Herausforderungen vor uns und daher liegt darin unsere Stärke.

Mathias Hillbrandt: Mit etwa 25.000 IG Metall-Mitglieder sind wir im Ennepe-Ruhr-Kreis und Wuppertal nun ein noch wichtigerer betriebs- und gesellschaftspolitischer Akteur. Auch innerorganisatorisch haben wir mit diesem Schritt unsere Position nochmals gestärkt.

Die Metallarbeitgeber erklären mit Verweis auf die Corona-Krise, dass es derzeit nichts zu verteilen gebe und fordern eine „Null“-Runde. 

Clarissa Bader: Das sehen wir anders. Natürlich gibt es auch in dieser Tarifrunde einen verteilungspolitischen Spielraum. Mit unserer dreigliedrigen Forderung, die die Tarifkommission aufgestellt hat, senden wir vor allem das Signal, dass die Sicherung der Beschäftigung an erster Stelle steht. Selbstverständlich geht es uns auch um die Sicherung der Einkommen unserer Kolleginnen und Kollegen. Seit 2018 gab es für sie keine Erhöhung in den Tariftabellen. Für die – wenn auch überschaubare – Preisentwicklung 2019 und 2020 haben sie keinen Ausgleich bekommen. Stattdessen hatten im Corona-Jahr viele von ihnen durch Kurzarbeit finanzielle Einbußen. Also ist es nur fair zu sagen: Wir wollen ein Volumen von vier Prozent. Zumal dieses Volumen auch für Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung verwendet werden soll. Ich wüsste nicht, wieso das die Metall- und Elektroindustrie überstrapazieren sollte.  Das gilt übrigens gleichermaßen für die Stahlbranche und die Textil-und Bekleidungsindustrie die fast zeitgleich in der Tarifauseinandersetzung sind.

Haben die Forderungen auch etwas mit dem Wunsch nach Anerkennung zu tun – Anerkennung dessen, was die Beschäftigten leisten in dieser schwierigen Zeit?

Mathias Hillbrandt: Ja, das Jahr 2020 war eine erhebliche Belastung für viele Kolleginnen und Kollegen. Deshalb sollten sich die Arbeitgeber nicht in ihren Gräben verschanzen, und statt Konflikte anzuzetteln, über eine Anerkennung der Arbeit ihrer Beschäftigten nachdenken. Ein feuchter Händedruck reicht da nicht. Es geht um Wertschätzung. Auch deshalb ist eine Erhöhung der Entgelte angebracht.

Wie wird die Tarifauseinandersetzung voraussichtlich verlaufen?

Clarissa Bader: Das ist jetzt beim bevorstehenden Jahreswechsel noch schwer einzuschätzen. Doch wir warnen die Arbeitgeber vor dem Trugschluss, die IG Metall wäre unter Corona- Bedingungen nicht handlungsfähig. Unseren Mitgliedern ist klar, dass mit guten Argumenten allein noch nie akzeptable Tarifergebnisse durchgesetzt werden konnten. Wir sind auf jeden Fall bereit!

Wird es die wirkmächtigen Bilder von demonstrierenden Metaller*innen, die rote IG Metall-Fahnen schwenken, auch im Frühjahr geben?

Mathias Hillbrandt: Natürlich steht in der Tarifrunde die persönliche Gesundheit unserer Kolleginnen und Kollegen im Vordergrund. Das setzt jedoch der Fantasie unserer Vertrauensleute und Mitglieder keine Grenzen. Mancher Parkplatz vor Unternehmen ist groß genug – da sind wir in der Lage, bei Warnstreiks alle Bedingungen einzuhalten, damit die Menschen sich nicht infizieren. Aber wir werden sicherlich auch andere und neue Formen nutzen, um den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen.

Das Interview führte: Otto König

Weitere Artikel

Check Also
Close
Back to top button
Close