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„Ich stehe auf der Seite der Schwächeren!“

BILD titelte Mitte der 90er-Jahre: „Wollen sie bei diesem Arbeitgeber arbeiten?“ Es ging um einen Konflikt bei der Feuerverzinkerei Huthwelker im Gewerbegebiet Oelkinghausen. Die Beschäftigten wollten von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machen und einen Betriebsrat wählen. Für den damaligen Chef eine Provokation und Eingriff in seine unternehmerische Freiheit. „Der Chef rennt mit der Flinte durch den Betrieb und bedroht die Kollegen“, so der der telefonische Hilferuf des Wahlvorstandsvorsitzenden nach Gevelsberg zur IG Metall.

Gemeinsam mit Gewerkschaftssekretär Hans-Jürgen Iske machte sich Lutz Ellinghaus eilig auf den Weg nach Ennepetal. Dort trafen sie mit den vorher verständigten Polizeibeamten zusammen. Der Chef war verschwunden. Doch die Waffe lag noch auf der Hutablage seines PKWs. „Mit unserer rechtlichen Unterstützung wählten sich Kollegen zum ersten Mal einen Betriebsrat“, sagt Lutz und fügt hinzu: „Es war mein spektakulärster Fall in meiner 21-jährigen Tätigkeit als Fachanwalt für Arbeitsrecht.“

Lutz Ellinghaus wurde im September 1958 als Sohn des Lebensmittelgroßhandelskaufmanns Friedrich-Wilhelm Ellinghaus in Gevelsberg geboren. Er wuchs im Hippendorf auf, oberhalb des ehemaligen „Sühneklosters“, das 1230 an der Todesstelle des Kölner Erzbischofs Graf Engelbert gebaut wurde, der von einem Verwandten im Hohlweg am „Gievilberch“ überfallen und erschlagen wurde. Die Grundschule besuchte Lutz am Strückerberg. Sein Abitur machte er noch am alten Städtischen Gymnasium Gevelsberg an der Neustraße.

Lutz schmunzelt als er erzählt, dass es seine Lehrer nicht „leicht“ mit ihm gehabt hätten: „Das lag wohl an meinen aufmüpfigen Neigungen.“ Sportlich begeisterte er sich früh fürs Geräteturnen, in seinen späteren Jugendjahren fürs „Moped“ fahren. Diese Leidenschaft hat er sich bis heute erhalten. Angesprochen auf das Gerücht, dass er nicht abwarten wollte mit dem Fahren bis er einen Führerschein hat, blinzelt er belustigt: „Das kann überhaupt nicht sein, ich habe mich immer an Recht und Gesetz gehalten. Wäre ich sonst Anwalt?“

Anwalt – das war schon sehr früh sein Berufsziel. „Mit zwölf habe ich in einem Schulaufsatz geschrieben, dass ich Jurist werden will“, erinnert er sich. Aber da war auch noch die Sache mit seinem Opa: Ein selbständiger Schneidermeister, der trotzdem gewerkschaftlich organisiert war. Und schließlich war es ein DGB-Rechtsvertreter, der ihm seine „Anerkennung als Kriegsbeschädigter“ durchsetzte. Damit finanzierte er seinem Enkel das Jura-Studium in den 80er-Jahren an der Ruhr-Universität Bochum: „Somit schließt sich der Kreis.“

Viele junge Menschen streben mit dem Jura Studium, das „trocken und nüchtern“ ist, Berufe wie Richter, Notar oder Staatsanwalt an, doch Lutz interessierte sich sehr früh für das Rechtsgebiet „Arbeitsrecht“. Er wollte Anwalt werden und die „Schwächeren in der Gesellschaft“, die ArbeitnehmerInnen, vertreten. Schon bald stand sein Entschluss fest, dass er nicht „auf beiden Seiten tätig werden, also auf keinen Fall Arbeitgeber vertreten würde.“

Nachdem Lutz Ellinghaus sein 1. Staatsexamen abgelegt hatte, absolvierte er am Landgericht in Hagen sein dreijähriges Referendariat. Es war wohl ein „Fingerzeig“, dass er in der örtlichen Zeitung las, dass im Gevelsberger Gewerkschaftshaus ein DGB-Sekretär zum Thema „Arbeitsrecht“ referierte. „Dies wollte ich mir nicht entgehen lassen, also bin ich hin und hörte mir den Vortrag an“, erzählt Lutz. Das Gespräch mit dem Referenten ermutigte ihn zum Einstieg in die DGB-Rechtsschutzarbeit.

Es war der 1. September 1992, „an das Datum erinnere ich mich noch ganz genau“, meint Lutz, als ich „ohne Arbeitsvertrag, nur mit Handschlag des zuständigen Referatsleiter beim DGB-Landesbezirk in Düsseldorf“ befristet in der DGB-Rechtsschutzstelle in Velbert meine Tätigkeit aufnahm. Anfang 1993 wechselte er nach Münster in eine Festanstellung beim DGB. Doch das „Gevelsberger Urgestein“ hoffte immer darauf, in seiner Heimat-Region etwas Adäquates finden zu können.

Es war in 1994 als es zur „schicksalshaften Begegnung“ mit Franz Bogen kam, so beschreibt Lutz sein Gespräch mit dem damaligen Ersten Bevollmächtigten der IG Metall Gevelsberg, „der mir in seinem Büro klarmachte, dass die Gewerkschaften im Südkreis neben dem vorhandenen DGB-Rechtsschutzsekretär dringend einen Fachanwalt für Arbeitsrecht zur Unterstützung der Betriebsräte benötigen“. Dieses Gespräch mit Franz Bogen war für ihn der entscheidende Anstoß, dass er sich selbstständig machte und sich Anfang 1995 als Fachanwalt für Arbeitsrecht in eigenen Räumen am Engelbertweg niederließ, wo er bis heute seine Mandanten empfängt, während seine Frau Elke die Buchhaltung führt.

Sein erstes Beschlussverfahren in unserer Region focht er für den Betriebsrat ABC mit Volker Büddefeld als stv. Betriebsratsvorsitzender vor dem Arbeitsgericht aus. Da wusste er noch nicht, dass er zehn Jahre später im Rahmen der Einführung des neuen ERA Entgeltrahmenabkommens im Auftrag des ABC-Betriebsrates ca. 150 Beschlussverfahren wegen einseitiger falscher Eingruppierung durch die Arbeitsgeberseite auf Betreiben des Märkischen Arbeitgeberverbandes, beim Arbeitsgericht Hagen einleiten musste.  Auch das Arbeitsgericht hat dies nur mit äußerster Anstrengung bewältigt. „Es bedurfte über 100 Gerichtstermine bis die Geschäftsführung zur Einsicht kam, dass es auch in ihrem Interesse sinnvoll war, den Konflikt zu entschärfen“, meint er rückblickend.

 

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Eins seiner nachhaltigsten Erlebnisse war gleich im Jahr 1995 der Konkurs des Schmiedebetriebs Paul Ferdinand Peddinghaus an der Haßlinghauser Straße in Gevelsberg. Lutz Ellinghaus beriet und vertrat in Absprache mit der IG Metall den Betriebsrat in rechtlichen Fragen, wurde eins von sieben Gründungsmitgliedern der „Gevelsberg Arbeits- und Ausbildungsplatzinitiative e.V., die später als Gesellschafter der Arbeitnehmergesellschaft – „PfP“ Produkte für Profilbearbeitung fungierte.

Aber er stand auch bei den kämpfenden Kollegen am Tor. „Wir wohnten nicht weit weg vom Betrieb. Meine Frau Elke schleppte Töpfe weise Suppe zu den Bewachern am Betriebstor“, berichtet Lutz, der sich an eine besonders gruselige Situation erinnert: Wir standen um die lodernden Flammen aus den Ölfässern, als die „Bewacher“ die Geschäftsleiter stoppten, die sich vom Werksgelände schleichen wollten, um sie am Feuer zur Rede zu stellen. Da fragte eine Kollegin wegen des am nächsten Tage anstehenden Insovenzantrages aufgeregt: „Wo bleibt unser Kindergeld?“ Es wurde damals über den Betrieb ausgezahlt. Schnoddrig bekam sie zur Antwort: „Was regen sie sich auf, sie bekommen doch ab morgen Arbeitslosengeld.“

Es ist nicht nur diese Erfahrung, die ihn in seiner Haltung bestätigte, dass er sich in betrieblichen Verhandlungen oder vorm Arbeitsgericht nur für die Belange der Betriebsräte bzw. der einzelnen Arbeitnehmer einsetzt und sie machte ihn gleichzeitig immun gegen Arbeitgeberversuche ihn „auf die andere Seite zu ziehen.“

In den zurückliegenden zwanzig Jahren hat er an der Seite aller Bevollmächtigten sowie der Gewerkschaftssekretäre über Interessenausgleiche und Sozialpläne verhandelt. In 2015 häufen sich die „phantasielosen“ zum Teil von Profitgier angetriebenen Betriebsstilllegungen: Jeco in Gevelsberg, Qint in Hattingen und Avery Dennison in Sprockhövel sind aktuelle Beispiele, in denen er mit der IGM-Bevollmächtigten Clarissa Bader und den Betriebsräten gemeinsam versucht das Beste für die Betroffenen zu vereinbaren, wohlwissend, dass „keine noch so gute Abfindungsformel den verloren gegangenen Arbeitsplatz ersetzen kann.“

Natürlich interessiert es den Fragenden wie der „Anwalt der Arbeitnehmer“ seinen Arbeitsstress abbaut. „Das kann ich mit meiner Frau Elke beim Segeln, möglichst einsam auf der Ostsee, wo uns das Wasser nicht wie an der Nordsee wegläuft“, antwortet Lutz. Und wenn er nicht im Ennepe-Ruhr-Kreis auf dem „Moped“ sitzen würde, dann finde er Entspannung beim Lesen, jedoch nicht von juristischen Schriftsätzen, sondern von interessanten Büchern, oben auf dem Berg im Hippendorf mit Blick auf die Innenstadt von Gevelsberg. Wissend wo die IG Metall liegt, der er seit 1997 angehört, zusätzlich zu seiner Mitgliedschaft in der HBV – heute ver.di – der er treu geblieben ist.

Foto 1 : Lutz Ellinghaus am Schreibtisch in seinem Büro
Foto 2: Lutz Ellinghaus mit Volker Büddefeld auf der 1.Mai-Kundgebung in Gevelsberg
Fotos: IGM-GH

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