Was macht eigentlich

„Kämpft für das Recht, es wird sich lohnen!“

Bei einem Besuch bei Karl-Ferdi Lange, ist nicht zu übersehen, dass der langjährige IG Metaller im Ruhrpott verwurzelt ist. Kaum hat man den Fuß über seine Türschwelle gesetzt, sticht einem sofort an den Flurwänden eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Henrichshütte ins Auge, an die sich am Ende ein kleiner Teil seiner Sammlung von Grubenlampen anschließt. Zeugnisse für die Stahl und Kohle, die nicht nur über 100 Jahre die Montanregion Ruhrgebiet geprägt haben, sondern auch sein Leben und das seiner Familie.
„Als 1994 auf dem Werksgelände der Hütte der Gasometer gesprengt wurde, war mir, als würde mir ein Stück meiner Heimat genommen“, sagt Karl-Ferdi. Jahrelang sei er nicht in der Lage gewesen, das ehemalige Werksgelände zu betreten. Das ist mehr als verständlich,  hatte doch der ehemalige gewerkschaftliche Vertrauensmann sieben Jahre zuvor gemeinsam mit seinen Kollegen für den Erhalt dieses Stahlbetriebes gekämpft.

Seine Erfahrungen in diesem zwölfmonatigen Kampf brachte er in dem Gedicht „Ein Fragezeichen“ zum Ausdruck: ( Auszüge) Nachdem wir alle aufbegehrten, uns gegen Thyssen-Willkür wehrten, als wir kämpften Hand in Hand, in konsequentem Widerstand, Politiker in Zugzwang brachten, die nun Versprechungen uns machten, frag ich: Was konnten wir erreichen?“ Als Antwort bleibt ein Fragezeichen. (….) Wenn ich das alles überlege und es Für und Wider wäge, Verluste, die wir oft erlitten, Gewinne, die wir uns erstritten, dann bleibt für mich kein Fragezeichen. Wir durften nicht der Willkür weichen. Man kann nicht oft genug betonen: „Kämpft für das Recht, es wird sich lohnen!“

Karl-Ferdi Lange wurde im September 1944 in Hattingen als Sohn des Bergarbeiters Karl-Wilhelm, der auf der Zeche Theodor in Burgaltendorf unter Tage einfuhr, geboren. Aufgewachsen ist er in der damals noch selbstständigen Gemeinde Welper. Hier besuchte ab 1951 die Horstschule und machte mit seinen Freunden „Land und Leute zwischen Henschel- und Franz-Schubert-Straße und der Ruhr unsicher“.

Sport war nicht so sein Ding, wie er selbst meint, doch nicht wegen der Abneigung gegen körperliche Anstrengungen, sondern „weil ich nicht akzeptieren konnte, dass so ein Trainer mir etwas vorschreiben wollte“, schätzt er heute ein. Also beste Voraussetzungen, um später aktiver Gewerkschafter zu werden. Es war sein Volksschullehrer, der ihn für den Chorgesang gewann, eine Leidenschaft, die ihn bis heute nicht losgelassen hat.

In Blankenstein, bei den Seilwerken Heinrich Puth, begann Karl-Ferdi 1959 seine dreieinhalbjährige Lehre zum Starkstromelektriker. Hier war es auch, als ihn ein Arbeitskollege auf die Gewerkschaftsmitgliedschaft ansprach. Das schien ihm sinnvoll, also trat er am 1. März 1965 in die IG Metall Hattingen ein. Nach der erfolgreichen Facharbeiterprüfung arbeitete er noch zwei Jahre im erlernten Beruf in der Hanf-  und  Drahtseilerei-Fabrik, bevor er seine Bundeswehrzeit ableistete.

Im Januar 1968 zurück, arbeitete er zunächst neun Monate bei der Elektroinstallations-Firma Klaus Meinert in Welper, um schließlich im Oktober des gleichen Jahres in der Elektrowerkstatt der Henrichshütte als Starkstromelektriker anzufangen. Die Existenz von Karl-Ferdi und seiner Frau Rita, sie heirateten 1969 und haben zwei Kinder, und die seiner Kollegen wurde zwei Jahrzehnte später von den Plänen des Duisburger Stahl-Konzerns Thyssen, die Hütte in der Ruhrstadt stillzulegen, ernsthaft bedroht.

Doch für den gewerkschaftlichen Vertrauensmann stand außer Frage: „Wir mussten uns gegen die Willkür des Thyssen-Konzerns zur Wehr setzen. Mussten gegen die Kahlschlagpolitik protestieren und mit allen Mitteln gegen die geplanten Entlassungen ankämpfen“. Er drückte das später in einem Gedicht so aus: (…) „Wenn ein Konzernchef, wie gewesen, in einer Kirche seine Thesen schon von der Kanzel referiert, und es als christlich deklariert, ganze Betriebe aufzugeben, von denen viele Menschen leben, die in dem Machtkampf der Interessen um Marktanteile ganz vergessen, wenn er nun glaubt wir halten still, dann begreife das wer will!“

Karl-Ferdi_Lange_1_maiNoch zu jung, um über den Alters-Sozialplan auszuscheiden, schied Karl-Ferdi Lange mit einer Abfindung aus dem Unternehmen aus. Nach einem kurzen Intermezzo bei der Essener Firma Buschkühl, fand er im Juni 1988 bei der Eisengießerei Ernst Koch in Sprockhövel Arbeit als Starkstromelektriker. Kurze Zeit darauf wählten ihn die KollegInnen in den Betriebsrat, dessen Vorsitz er später übernahm, nachdem sein Vorgänger wegen Unregelmäßigkeiten den Betrieb verlassen hatte. Er wurde Mitglied der Vertreterversammlung.

Mit seinen im Hüttenkampf gewonnenen Erfahrungen und mit Unterstützung des Gewerkschaftssekretärs Bernd Lauenroth baute er im Betrieb das gewerkschaftliche Fundament aus. Das sollte sich auszahlen Es war im Herbst 1996 als sich die Koch-Beschäftigen nach Jahrzehnten zum zweiten Mal an einem Warnstreik beteiligten, zu dem die IG Metall-Hattingen zur „Verteidigung der Lohnfortzahlung“ aufgerufen hatte. Als der Geschäftsführer ihn „körperlich“ daran hintern wollte, den Betrieb zu verlassen, um zur Kundgebung zu gehen, legten alle Arbeitnehmer die Arbeit nieder und zogen mit ihm zur Kundgebung ins Gewerbegebiet Bossel vor den Betrieb des Vorsitzenden des Märkischen Metallarbeitgeberverbandes.

„Zwei Jahre später, im Juli 1998, kurz vor den Betriebsferien teilte der Geschäftsführer in einer Betriebsversammlung ‚jovial‘ mit, dass die Eigentümer den Betrieb aufgeben und zum Jahresende schließen werden“, erinnert sich Karl-Ferdi. Es gäbe keine geeigneten Nachfolger lautete die Begründung. Er und ein Teil seiner Kollegen hatten „Glück im Unglück“. Vertreter der Gießerei Stockey & Schmitz kauften nicht nur Teile der stillgesetzten Produktionsaggregate, sondern warben auch qualifizierte Fachkräfte für ihren Betrieb an, in dem u.a. Bremsscheiben und Bremstrommeln für Opel und VW produziert wurden.

Erwartungsvoll kamen sie nach Ennepetal, nicht wissend, dass sie vom Regen in die Traufe kamen. Die Unzufriedenheit der Ex-Sprockhöveler mit der Arbeit der betrieblichen Interessenvertretung führte sehr bald zur Neuwahl des Betriebsrates. Karl-Ferdi Lange wurde gewählt und erneut Vorsitzender. Um die Jahrtausendwende entstand die Verwaltungsstelle Gevelsberg-Hattingen. Im Jahr 2003 geriet der Betrieb ins Schlingern, „nicht wegen der Tarifpolitik der IG Metall“ wie der Metallarbeitgeberverband in ideologischer Verblendung rausposaunte, sondern durch den Kostendruck der Automobil-Endabnehmer.

„Es rächte sich, dass die Eigentümer in den zurück liegenden Jahren keine Investitionen in moderne Anlagen getätigt hatten“, schätzt Karl Ferdi ein, der gemeinsam mit seinen Kollegen und mit Unterstützung von Bernd Lauenroth erneut alles versuchte, die Arbeitsplätze zu retten. Der Appell in einem „Offenen Brief“ an die Anteilseigner, dringend notwendige Investitionen zu tätigen, um die Automobilproduzenten nicht zu verlieren, stieß auf taube Ohren.

Das Eintreiben einer offenen Rechnung durch die AVU führte in 2004 zur Überschuldung der Gießerei und zum Antrag auf Insolvenz beim Amtsgericht. Die Fortführungsbemühungen des Betriebsrates und der IG Metall blieben ohne Erfolg. Der Betrieb wurde abgewickelt. Für wenige Monate war der ehemalige Betriebsratsvorsitzende als Beschäftigter der Hamburger Firma Feldtmann bei der Demontage des Stahlwerkes auf der Hattinger Hütte eingesetzt, dann traf ihn die Arbeitslosigkeit bis er 2007 endlich mit 63 Jahren in die vorgezogene Altersrente gehen konnte.

Es war im Oktober 2004 als der langjährige Gewerkschafter doch noch ein Dankeschön für seinen aktiven Einsatz für die arbeitenden Menschen bekam. Im Kreishaus Schwelm verlieh ihm Landrat Armin Brux im Auftrag des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Zu seinem sozialpolitischen Engagement gehört bis heute seine Tätigkeit zuerst als Arbeitsrichter in Hagen und dann als Sozialrichter in Dortmund.

Das Gedichteschreiben, das Lesen und die Musik begleiten den Gewerkschafter, der im nächsten Jahr 50 Jahre der IG Metall angehört, seit seiner frühen Jugend. Auch heute noch vergeht keine Maikundgebung des DGB in Hattingen, auf der Karl-Ferdi Lange nicht ein selbstgeschriebenes Gedicht vorträgt. Seine Liebe zum Chorgesang verwirklicht er im „Hattinger Vokalensemble“, das von Lore Goes dirigiert wird. Im Mittelpunkt der musikalischen Aufführungen stehen Portraits der Komponisten wie Bach, Mozart, Beethoven und demnächst Telemann.

Und ganz ohne Gewerkschaft geht es auch heute nicht, also mischt er im Hattinger Senioren-Arbeitskreis der IG Metall mit. Und schließlich ist da noch die Familie – seine Frau Rita, Tochter und Sohn mit Ehepartner und die vier Enkel. Ein großartiger Familienverbund – der ihn entschädigt für so manch schwere Stunde in seinem langen Arbeitsleben.

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