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„Opas Berufsbildung ist tot“ – „modern bilden“

„Für uns stand die Freizeitgestaltung im Vordergrund“, beschreibt Wolfgang Lange die Zeit in der Musik- und Volkstanzabende sowie Fußballturniere die gewerkschaftliche Jugendarbeit prägten. Darüber hinaus fanden an Wochenenden Bildungsseminare im Naturfreundehaus Ebberg in Schwerte statt. Hier tauschten die Betriebsjugendvertreter, die seit dem Betriebsverfassungsgesetzes 1951 gewählt wurden, ihre Erfahrungen aus, z.B. darüber, dass sie „zunächst das Misstrauen der älteren Betriebsratsmitglieder überwinden mussten“, wenn sie an der Betriebsratssitzung teilnahmen. Ferienfreizeiten wurden in St. Peter Ording an der Nordsee und Studienfahrten nach Eskiltuna in Schweden organisiert.

Auf dem Haidchen in Welper richteten sich die jungen Metaller in einer alten Schule unter Anleitung von Jugendvertreter Günter Blasius ihren Jugendraum ein. Der KFZ-Lehrling Ulrich Plitt wurde durch Musik, die aus einer Schule an der Ruhrbrücke schallte, auf die Jugendgruppe Winz-Baak aufmerksam. Auch in Altendorf und in Sprockhövel gab es Jugendgruppen. Im neugebauten Gewerkschaftshaus in Gevelsberg am Großen Markt gestaltete die Jugend im Keller ihren Treffpunkt. „Der Jugendraum war an vielen Abenden brechend voll“, erinnert sich der damalige Ortsjugendausschuss-Vorsitzende Hans-Jürgen Iske.

Lehrlinge streiten für bessere Ausbildung

Im April 1969 stellte die „Welt am Sonntag“ oberlehrerhaft fest, „die Lehrlinge rebellieren nicht, sie sind keine billigen Bierholer“. Doch längst wurde in den gewerkschaftlichen Jugendgruppen in Gevelsberg und Hattingen heftig diskutiert: „Opas Berufsausbildung ist tot“. Die DGB-Jugend forderte ein neues Berufsbildungsgesetz (BBiG) Der seit Anfang der 1960er-Jahre im Bonner Bundestag diskutierte Gesetzesentwurf wurde von der CDU/SPD-Koalition immer wieder verschleppt.

Wolfgang Lange, der spätere DGB-Kreisvorsitzende im Ennepe-Ruhr-Kreis, erinnert sich: Eines Abends tauchten im Gevelsberger Gewerkschaftshaus viele Lehrlinge der Schwelmer Eisenwerke auf und schilderten Missstände in ihrer Ausbildung. Gesagt, getan: Forderungen wurden formuliert, Flugblätter gedruckt, Mitglieder der Jugendgruppe verteilten sie vorm Betrieb, worüber sich nicht nur die Geschäftsführung, sondern auf der Betriebsratsvorsitzende Walter Höller beschwerte. Die Aktion war erfolgreich – die Qualität der Ausbildung wurde verbessert, der Ausbilder bekam ein Teil seiner Kompetenzen abgenommen. 7.000 Lehrlinge machten im Juni auf einer Großkundgebung des DGB in Köln nochmals massiv Druck für ein zeitgemäßes Berufsbildungsgesetz.

„Mit einem Hauch von Popmusik, Unterground und Beat wurde die schon zur Tradition gewordene Jugendwoche der IG Metall im Schulzentrum Alte Geer eröffnet“, schrieb die Westfälische Rundschau am 6. Oktober 1969. Der Berichterstatter wusste zu vermelden: Die Musik wurde sowohl laut als auch „wild“ dargeboten. Während der für Jugendarbeit zuständige Sekretär Hans Hirsch Informationsmaterial über das neue Berufsbildungsgesetzverteilt habe, erläuterte Hans-Jürgen Iske „im Telegrammstil die Inhalte des neuen Berufsbildungsgesetzes.“

Zur gleichen Zeit entstehende Lehrlingszentren machten mit phantasievollen, öffentlichen Aktionen auf die Verbesserung der Ausbildung aufmerksam. Anfang der 1970er-Jahre bildete sich auch in Hattingen auf Initiative von Jugendvertretern der Henrichshütte mit Unterstützung der pädagogischen Mitarbeiter des IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel, Horst Schmitthenner und Otto König, ein „Arbeitskreis Lehrlinge und Jungarbeiter“.

Um Missstände in der Ausbildung aufzudecken, verteilten Mitglieder des AKL und des OJA wie Jutta Schäfer und Konrad Karwatzki von der Hütte und Dieter Zänger von Hauhinco im  Frühjahr 1973 vor der Berufsbildenden Schule in der Raabe Straße in Hattingen Fragbögen an die Berufsschüler. Die Auswertung zeigte, dass vor allem im Handwerk und im Einzelhandel, Ausbildungsinhalte nicht vermittelt und permanent gegen Jugendarbeitsschutzbestimmungen verstoßen wurde. Ein guter Aufhänger für die Aktion „Rote Zange“ der IGM-Jugend im Herbst.

Ein Jahr später startete die Aktion „Führe ein wahres Berichtsheft“. Die Auszubildenden in den metallverarbeitenden Betrieben wurden aufgefordert, in einem festgelegten, vierwöchigen Zeitraum nur die Tätigkeiten im Berichtsheft einzutragen, die sie auch wirklich verrichtet hatten. Die Ergebnisse wurden ausgewertet und in Jugendversammlungen zur Sprache gebracht.

„Von den Kollegen gewählt, von den Bossen gefeuert“

Mitte 1972 trat das novellierte Betriebsverfassungsgesetz in Kraft. Darin wurden u.a. die Rechte  der Jugendvertreter gestärkt. „Im OJA Gevelsberg bereiteten wir die Jugendvertreterwahlen 1972 unter dem Motto „Nutze deine neuen Rechte vor“, so Reinhold Dicke, damals Jugendvertreter bei der Verpackungsfirma Schmermund in Gevelsberg. Die Einhaltung der Ausbildungspläne, die Überarbeitung von betrieblichen Beurteilungsbögen und die Abschaffung von „Streberprämien“ im Zusammenhang mit Beurteilungen durch die Ausbilder waren Themen mit denen sich die Jugendvertretungen herum schlagen mussten.

Die gewerkschaftliche Jugendarbeit verlagerte sich immer mehr in den Betrieb. Zum örtlichen Zentrum für den Erfahrungsaustausch und zum Motor von Kampagnen entwickelten sich die OJAs. In den 1970er Jahren standen zwei junge Frauen an der Spitze – in Gevelsberg Ilona Dammköhler, Jugendvertreterin bei Intertractor und in Hattingen Petra Beil, Jugendvertreterin auf der Henrichshütte. Die Konflikte um die geplante Atomrüstung, der Krieg in Vietnam, der Widerstand gegen die Notstandsgesetze, der faschistische Putsch in Chile gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende und Hilfe für Nicaragua prägten zusätzlich die gewerkschaftliche Jugendarbeit.

Die Aktivitäten der Jugendvertretungen stießen auf Widerstand der Arbeitgeber. Diese verweigerten unbequemen Jugendvertreter/innen nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung zunehmend die Übernahme auf einen Arbeitsplatz.  Da sich die Fälle häuften, der DGB zählte 6.000 Fälle, startete die IG Metall 1973 bundesweit die Kampagne „Von den Kollegen gewählt, von den Bossen gefeuert.“ Der Druck auf die  SPD/FDP- Bundesregierung führte dazu, dass Anfang 1974 der § 78 a „Schutz Auszubildender in besonderen Fällen“ in das Betriebsverfassungsgesetz aufgenommen wurde. Damit konnte ein gesetzlicher Kündigungsschutz für Jugendvertreter durchgesetzt werden.

Doch was kümmert mich dieses Gesetz, sagte sich Rolf Reuschling, Chef der Westfälischen Lokomotiv-Fabrik Karl Reuschling KG in Hattingen, und setzte mit einem üblen Trick die im Mai 1974 von 19 Jugendlichen gewählte Jugendvertreterin Tina Fischer (Flügge) vor die Tür. Ihr „Vergehen“: Sie nahm, was ihr Chef überhaupt nicht verstehen konnte, ihre gesetzlichen

Rechte war, fuhr zu gewerkschaftlichen Seminaren, führte die erste Jugendversammlung in der Geschichte des Betriebes durch und lud auch noch den IG Metall-Sekretär Willi Pfeffer ein, der die Auszubildenden über ihre Rechte informierte.  Vor die erpresserische Wahl gestellt, ob sie oder ihre Freundin gehen musste, warf Tina das Handtuch und verließ den Betrieb, setzte jedoch ihr gewerkschaftliches Engagement fort.

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 „modern bilden“ – „Revolution Bildung“ vorantreiben

Das Recht auf Ausbildung und die Forderung nach qualifizierter Ausbildung zog sich auch in den folgenden Jahren wie ein roter Faden durch die betrieblichen und örtlichen Aktivitäten. Unter dem Motto „Keine Ausbildung für die Schrottkiste“ wurde für die Neuordnung der Metallberufe gestritten. In Hattingen schlugen hunderte Auszubildende Ende der 1980er Jahre „Krach für ihre Zukunft“ und kämpften gegen die Vernichtung der Ausbildungsplätze nicht nur auf der Hütte, so Klaus Müller, Vorsitzender der Jugendvertretung der Henrichshütte.

Die sich verschlechternde Ausbildungsplatzsituation und die Übernahme nach der Ausbildung wurden zu zentralen Themen in den 1990er-Jahren. Die Firmen Hauhinco (Sprockhövel), O&K Antriebstechnik (Hattingen) schlossen ihre Lehrwerkstätten und Paul Pleiger (Hammertal) wandelte seine betriebliche Lehrwerkstatt, um sich die tariflichen Ausbildungsvergütungen zu sparen, in eine außerbetriebliche um.

Mit einem „Truck“, der von OJA-Mitgliedern mit Unterstützung des Gewerkschaftssekretärs Thomas Hay der neugebildeten Verwaltungsstelle Gevelsberg-Hattingen in Form eines „Piratenschiffes“ gestaltet wurde, fuhren sie vor die Berufsbildenden Schulen in Ennepetal und Hattingen, aber auch zum Aktionsfestival der IGM-Jugend 2002 in Köln, um für Forderungen der Jugend zu werben. 2009 wurde gemeinsam vom OJA und Ortsvorstand mit der „Gevelsberger Appell für Ausbildungsplätze“ initiiert. Zwei Jahre später nahmen jugendliche Gewerkschafter zum ersten Mal an einem Bildungsseminare auf einem Segelschiff auf dem Ijsselmeer teil. „Wir haben diskutiert, gelernt und Spaß gehabt. Das alles neben der Selbstversorgung und dem Segeln“, so Stefan Römer, Jugend- und Auszubildendenvertreter bei ThyssenKrupp Bilstein (Ennepetal).

Heute treiben Florian Budnik, Betriebsratsmitglied bei Dorma (Ennepetal), Robin Libuda, Jugend- und Auszubildendenvertreter bei der O&K Antriebstechnik (Hattingen) und ihre Mitstreiterinnen im OJA Gevelsberg-Hattingen gemeinsam mit Jennifer Schmidt die „Revolution Bildung“ voran. Zuletzt im April 2016 in der Stadthalle Hagen: Hier setzten sich über 300 Auszubildende mit dem sperrigen Thema „Novellierung des Berufsbildungsgesetz“ (BBiG) auseinander. Denn nach minimalen Änderungen in 2005 ist eine Generalüberholung des BBIG von 1969 überfällig. „Wir werden dranbleiben. Und weiter Druck machen!“, hieß es am Ende der großen außerbetrieblichen Jugendversammlung. Richtig, denn nur so war es in den zurückliegenden Jahrzehnten möglich, „mehr Rechte für die Jugend“ durchzusetzen.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quelle:                                                                                                             Auf Gespräche des Autors mit Kollegen für Artikel auf der Internet-Seite www.igmetall-en.de
IGM Hattingen(Hrsg.) „Die Einheit hüten – auf die eigene Kraft vertrauen!“, Hattingen November 1985             Geschäftsberichte der IG Metall Hattingen bzw. Gevelsberg-Hattingen Otto König, „Band der Solidarität – Widerstand, Alternative Konzepte und Perspektiven“, VSA Verlag Hamburg 2012

Foto 1: OJA – Mitglieder informieren 1973 am „Affenfelsen“ (heute Treidelbrunnen) in Hattingen über das neue Berufsbildungsgesetz
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oto 2: Über 300 Auszubildende diskutieren in Hagen über ihre Forderungen zur Novellierung des BBiG Fotos: IGM-GH-Archiv

 

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