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Pandemie setzt jungen Menschen zu

Jugendstudie der IG Metall: Folgen der Corona-Pandemie für berufliche und persönliche Chancen

Im vergangenen Jahr wurde häufig gewarnt, es dürfe keine „Generation Corona“ geben, wenn es um die negativen Auswirkungen der Pandemie auf junge Menschen und deren berufliche und private Belange ging. Inzwischen wird immer deutlicher, dass Corona im Leben vieler Jugendlicher tiefe Spuren hinterlässt.

Die Covid-19-Pandemie hat die Ausbildungs- bzw. Erwerbssituation sowie die Zukunftspläne junger Menschen stark beeinträchtigt, dies geht aus der aktuellen Jugendstudie „Plan B“ der IG Metall hervor. (1) Die Besonderheit, der zwischen Januar und März 2021 von der IG Metall mit dem Jugendforscher Simon Schnetzer durchgeführten Befragung besteht in der Darstellung der betrieblichen Erfahrungen der jungen Erwachsenen, ergänzt durch Schilderungen ihrer persönlichen Situation.

Laut der Studie gaben mehr als die Hälfte der rund 3.229 befragten Menschen an, dass sich ihre beruflichen Chancen verschlechtert haben. Die größte Veränderung in der Arbeitswelt ist die Arbeit im Homeoffice, die für die befragten Auszubildenden (62%) und dual Studierenden (83%) besonders häufig eingetreten ist. „Ich bin zum Glück nicht lange im Homeoffice gewesen. Das macht als Mechatronikerin auch nicht viel Sinn. In den fünf Wochen Homeoffice haben wir Schulaufgaben bekommen, die niemand kontrolliert hat. Dementsprechend hat in der Zeit auch kaum jemand was gemacht“, beschreibt die Befragte, dass Ausbildungszeit im Homeoffice nicht selten gleichbedeutend ist mit verlorener Ausbildungszeit. Insgesamt waren 18% der Befragten von Kurzarbeit betroffen. Während 49% der unbefristet und 32% der befristet Beschäftigten in Kurzarbeit sind oder waren, berichten nur 6% der dual Studierenden und 13% der Auszubildenden davon.

Corona-Pandemie hat junge Menschen in einer schwierigen Phase getroffen

Die von Lockdown und dem Corona-Virus geprägte Zeit hat die Auszubildenden und Jugendlichen in einer schwierigen Phase getroffen. 41% beklagen negative Auswirkungen auf die Ausbildungssituation im Betrieb und 71% der befragten Auszubildenden geben an, die Situation in der Berufsschule habe sich seit Ausbruch der Pandemie verschlechtert. Die Betroffenen erklären die Verschlechterung damit, weil an diesen Ausbildungsorten nur wenig oder gar nichts auf digitales Homeschooling oder Homeoffice vorbereitet war. 53% schätzen, dass sich durch die Pandemie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern, während 40% ihre Übernahme in Gefahr sehen. „Darüber hinaus fürchten viele um ihre Zukunft im Betrieb“, sagt Jugendforscher und Volkswirt Simon Schnetzer.

Dual Studierende beklagen eine pandemiebedingte Erosion der Ausbildungsqualität in Hochschule (65%) und Betrieb (38%) sowie schwindende Motivation (54%). Auch der für das duale Studium konstitutive Praxisbezug habe sich für 43% der Befragten verschlechtert, ebenso die Lernmotivation (64%). Die Krise trifft dual Studierende im ähnlichen Maße wie Auszubildende in Bezug auf ihre Perspektiven: Fast jede/r Dritte fürchtet um die eigene Übernahme.  Junge Berufstätige befinden sich trotz abgeschlossener Ausbildung in einer ähnlichen Situation. Auch sie beklagen eine Verschlechterung der Arbeitsatmosphäre (66%) und ein Einbrechen ihrer Leistungsmotivation (54%). Für 53% der jungen Berufstätigen hätten sich die Chancen auf Weiterbildung verschlechtert, weswegen sie pessimistisch in die Zukunft blicken.

Die Ergebnisse zeigen ein dramatisches Absinken der Ausbildungs- und Berufsschulqualität, das offenbar nicht durch moderne digitale Methoden aufgefangen wird. Wichtige Ausbildungsinhalte kommen zu kurz, da beispielsweise Ausbilder*innen durch Kurzarbeit ausfallen oder die Ausbildung digital von zu Hause weitergeführt werden muss. Auszubildenden fehlt Betriebspraxis, Umgang mit anderen und Lehrer*innen in den Berufsschulen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Berufsschulen nur unzureichend auf diese Situation vorbereitet waren und mindestens so schlecht mit modernen Techniken ausgestattet sind wie die Allgemeinbildenden Schulen. „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie treffen junge Menschen hart“, bestätigt Stefanie Holtz, Bundesjugendsekretärin der IG Metall. „Die Qualität der Ausbildung und des Studiums nimmt durch digitale Lernangebote ab.“ So fürchteten viele junge Menschen um ihre Übernahme.

Die Befragten beklagen Zukunftsängste

Drei Pandemie-Wellen und die Lockdown-Erfahrungen haben in vielen jungen Menschen die Frage ausgelöst, ob der eingeschlagene Weg richtig und das Bildungsniveau ausreichend für die Zukunft ist. So plagen 34% der Befragten Zukunftsängste. Insbesondere macht den jungen Menschen die Unsicherheit zu schaffen, weil die berufliche und private Zukunft ungewiss ist und sie selbst ihre nahe Zukunft nicht verlässlich planen können. Studierenden (45%) und befristet Beschäftigten (44%) machen Zukunftsängste besonders zu schaffen, Auszubildenden (33%) und dual Studierenden (25%) hingegen deutlich weniger. Junge Frauen erleben wesentlich häufiger Zukunftsängste (41%) als junge Männer (30%). Corona verändert die Lebensplanung der jungen Generation, 39% haben ihren Plan seit der Corona-Pandemie freiwillig oder unfreiwillig verändert. So möchten sich rund 40 Prozent der Befragten komplett oder teilweise beruflich umorientieren.

Dazu kommen Ängste, Isolation und psychische Auswirkungen. Ihre allgemeine persönliche Situation beschreiben junge Menschen im Pandemie-Winter 2021 eher düster. 61% der Befragten geben an, ihre psychische Gesundheit habe sich verschlechtert. Nach über einem Jahr Leben im Corona-Krisen-Modus steht dieser Wert beispielhaft für die alarmierende Situation der Jugend. Je länger dieser Zustand anhält, desto schwerwiegender sind die Folgen: verringertes Selbstwertgefühl, Depressionen/Angstzustände und Gefühle von Perspektivlosigkeit. 55% klagen über negative Effekte auf die Beziehung zu ihren Freund*innen. 51% stellen fest, sie hätten das Gefühl, ihr eigenes Leben nicht mehr zu kontrollieren. „Die psychische Gesundheit hat extrem gelitten“, fasst Studienautor Simon Schnetzer die Ergebnisse zusammen. Das Verbot sozialer Kontakte, eine „gewisse Kälte im Betrieb“ und überhaupt die Isolation und die Sorge um den Fortbestand von Beziehungen und Freundschaften habe bei vielen das Gefühl entstehen lassen, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren.

Appell an die Betriebe „alles was möglich ist tun“

Sollte die Situation sich für die junge Generation nicht nachhaltig verbessern, ist mit gravierenden Folgen zu rechnen, schreibt der Autor der Studie „Unterbrochene Bildungs-Biografien durch die Krise können zu immer mehr Jugendarbeitslosigkeit führen“, betont Gewerkschaftssekretärin Nadine Schröer-Krug. Ein Anstieg von Jugendarbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Fachkräftemangel wäre die Konsequenz. Die Alarmsignale dafür bestehen bereits: Erstmals seit der deutschen Einheit ist im Jahr 2020 die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsplätze in Deutschland unter 500.000 gefallen. Viele bilden wegen der Pandemie weniger aus oder wollen keine Azubis mehr übernehmen.

Schröer-Krug: „Wenn Pläne durch die Pandemie zerstört werden, müssen neue Pläne her und wir stehen alle in der Verantwortung, diese zu begleiten“. Sie appelliert an die Betriebe, alles „was möglich ist“, zu tun. Ausbildungsplätze müssen in guter Qualität erhalten und ausgebaut werden. Wo ausgebildet wird, muss auch übernommen werden. Gleiches gilt für dual Studierende, deren gesetzliche Gleichstellung mit Auszubildenden ein überfälliges Anliegen ist. Die Arbeitgeber*innen sollen unter anderem die Corona-Prämien nutzen, die die Regierung ausgesetzt hat. Also die bis zu 6000 Euro, die Betriebe erhalten können, wenn sie keine Ausbildungsstellen abbauen oder zusätzliche schaffen. Nadine Schröer-Krug erinnert daran, dass Betriebe für die anstehende „Transformation“ – wie Klimawende und Digitalisierung – dringend Fachkräfte brauchen werden.

Es lohnt sich, sich zu engagieren

Das Engagement von starken Betriebsräten sowie Jugend- und Auszubildendenvertretungen während der Corona-Pandemie wird von den jungen Menschen honoriert. 80 % der Befragten finden es wichtig, eine Jugend- und Auszubildendenvertretung beziehungsweise einen Betriebsrat zu haben. Und trotz der großen Herausforderungen wollen sie sich auch selbst weiter engagieren. 78 Prozent sagen, dass es ihnen wichtig ist, sich für eine lebenswerte Zukunft einzusetzen und 76 % geben an, gegen Ungerechtigkeit kämpfen wollen. „Wenn junge Menschen Beteiligung und Mitbestimmung konkret erleben, sehen sie, dass es sich lohnt, sich zu engagieren“, so Nadine Schröer-Krug.

Anmerkung

(1) Im Auftrag der IG Metall, mit rund 200 000 Mitgliedern unter 27 Jahren die größte Jugendorganisation in Deutschland wurden im Zeitraum Januar bis März 2021 insgesamt 3.229 Auszubildende, dual Studierende und junge Berufstätige zwischen 16 und 27 Jahren befragt. Die Studie „Plan B“ basiert auf einer Repräsentativbefragung und auf einer internen Befragung, an der sich für die IG Metall-Geschäftsstellen deutschlandweit junge Menschen beteiligt haben. Die Ergebnisse der Studie können unter https://www.igmetall.de/jugend/studie-plan b abgerufen werden.

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