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Rassismus, Faschismus und Widerstand

Hattingen. Es war ein gelungene Premiere: Der „Alternative Stadtrundgang“ in Hattingen. „Das Bündnis gegen rechts“ hatte eingeladen zur Spurensuche in der „braunen Vergangenheit“ der Stadt an der Ruhr – in der Zeit des Nationalsozialismus 1939-1945. Um aus der Vergangenheit Lehren für das heutige Handeln ziehen zu können, wollten die Organisatoren mit dieser Aktionen einen Beitrag leisten zur Aufklärung über den alltäglichen Rassismus und Faschismus.

Im Gegensatz zum „roten“ Welper, damals noch eigenständige Gemeinde, entwickelte sich die Kleinstadt Hattingen schon in den 1920er-Jahren zu einem Zentrum des Nationalsozialismus“, so Thomas Birg vom IG Metall-Bildungszentrum Sprockhövel, beim Start am Rathaus in der Roonstrasse. Ein breites Geflecht von nationalen und völkischen Vereinen habe den Nährboden für das Ausbreiten rassistischer Ideen geboten, die vor allem in den mittelständischen Schichten Widerhall fanden.

Zum Erfolg der NSDAP hätten, so der Bildungsarbeiter, auch die häufigen Besuche des Wuppertaler Agitators Joseph Goebbels und Propaganda-Veranstaltungen mit Adolf Hitler aber auch das Wirken national eingestellter Lehrer sowie die Vorbildfunktion führender Familien beigetragen. Hattingen rutschte nicht ins Dritte Reich: 1930 wurde die NSDAP im Stadtrat mit 31% die stärkste Fraktion, während sie im Deutschen Reich gerade mal 18% bekam.

 

Foto 2_Clarissa Bader erinnert an die Besetzung der Gewerkschaftshäuser

Die erste Station des Rundgangs war in der oberen Heggerstrasse. „Am 2. Mai 1933 besetzten die Nazis die Gewerkschaftshäuser, auch die damalige Geschäftsstelle des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), der Vorläuferorganisation der IG Metall, hier im Haus Nr. 72“, erklärte die IGM-Bevollmächtigte Clarissa Bader. Der Geschäftsführer Wilhelm Warnecke sei verhaftet und in Schutzhaft genommen, sowie das Vermögen der Gewerkschaften beschlagnahmt worden.

Viele Hattinger Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten und Christen wurden, wie u.a. Willi Herold und Erich Erdmann in Konzentrationslager verschleppt oder in Sachsenhausen ermodert, wie August Schlender und Hugo Schwätzer. In den Betrieben setzte sich die Gleichschaltung fort: Die gewählten Betriebs- und Angestelltenräte mussten zurücktreten

Ratsfrau Sabine Radtke (SPD) zitierte vorm „Cafe Mexx“, der ehemaligen „Gaststätte Märker“, die schon in der Weimarer Republik Treffpunkt der NSDAP-Ortgruppe war, aus einer Rede Hitlers anlässlich seines Besuches 1926 in der er seine Freude zum Ausdruck brachte, in der westfälischen Stadt zu sein, „die in vorbildlicher Weise für die Verbreitung einer großen Idee eintritt.“ Welche barbarischen Folgen diese „faschistische Idee“ hatte, wurde im Krämersdorf – der Dritten Station – deutlich: Im März 1945 erlebten die Menschen in Hattingen verheerende Bombenangriffe der West-Allierten auf die Innenstadt.

 

Foto 3- Synagogenplatz

Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 lebten 73 jüdische MitbürgerInnen in Hattingen, darauf wiesen die Organisatoren des Rundgangs am Synagogenplatz hin. Schon im März gab es erste Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte, der Rat beschloss keine öffentlichen Aufträge mehr an jüdische Geschäftsleute zu vergeben. Fünf Jahre später am 9. November 1938 in der Reichsprogromnacht, zündeten die Faschisten die Hattinger Synagoge an.

1941 wurden die jüdischen MitbürgerInnen in der alten Gewehrfabrik Saarn an der Ruhr (ungefähr beim Campingplatz Stolle), dem „Juden-Ghetto“ interniert, bevor sie ab 1942 nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. An sie erinnern inzwischen sogenannte „Stolpersteine“ in der Bahnhofstrasse, Am Haldenplatz und Am Steinhagen.

 

Foto_4_Stolpersteine

Trotz des faschistischen Terrors der SA, SS und Gestapo war auch in Hattingen der Widerstandswille vieler Antifaschisten ungebrochen. Darauf wies Thomas Birg am Ende des Rundgangs hin, der bewusst nicht an den Orten der Gräueltaten, sondern einem Ort, der mit dem Widerstand verbunden ist. Ecke Große Weilstrasse und Eingangsbereich St.Georg-Straße – vor der Altstadtsanierung befand sich hier in den 20- und 30-Jahren am Flachsmarkt 5, die KPD-Geschäftsstelle, vor der 1932 der Kommunist Hubert Lubberich von der SA ermordet wurde.

Widerstand wurde in der Nazizeit vor allem aus den Reihen der illegalen KPD, untergetauchter Gewerkschafter, Sozialdemokraten aber auch Vertretern der katholischen Kirche wie Pfarrvikar Nikolaus Baumjohann und der christliche Gewerkschafter Nikolaus Groß aus Niederwenigern, der vom Volksgerichtshof verurteilt und in Plötzensee ermordet wurde, geleistet. Und es gab den Widerstand vieler Hüttenarbeiter, die auf der Henrichshütte den internierten sowjetischen Kriegsgefangengen unter Lebensgefahr Essen zusteckten.

Für die TeilnehmerInnen war der Rundgang durch die Hattinger Altstadt nicht nur die Möglichkeit den Alltagsrassismus unter der faschistischen Barbarei 1933 bis 1945 zu reflektieren, sondern auch daraus Konsequenzen für die heutige antifaschistische Arbeit zu ziehen – im Kampf gegen die rechte Gewalt. So hatten erst vor wenigen Wochen über 1.000 BürgerInnen und Gewerkschafter der NPD das Stopp-Schild gezeigt: „Hattingen ist und bleibt eine bunte Stadt.“

 

Foto 1: Auftakt zum Stadtrundgang vorm Rathaus in Hattingen
Foto 2: Heggerstrasse 72: Clarissa Bader erinnert an Besetzung d. Gewerkschaftshäuser
Foto 3: Am Synagogenplatz wird das Leid der jüdischen BürgerInnen wach
Foto 4: Stolpersteine auf Hattinger Straßen

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