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Schäbiger Schachzug?

Völker GmbH: Produktionsstandort in Witten wird stillgelegt

Anfang November: Security-Kräfte sichern die Halle, in denen die Beschäftigten der Völker GmbH in Witten in einer „Mitarbeiter“-Versammlung über Kündigungen und Freistellungen informiert werden. Die Geschäftsführung fürchtete wohl um ihre Sicherheit. Zurecht. Denn in den Wochen zuvor entwickelte sich bei den Beschäftigten des Klinik- und Pflegebetten-Herstellers im Wullener Feld Enttäuschung, Frust, aber auch Wut. Mehr als 80 Kolleginnen müssen den Weg zum Arbeitsamt antreten, die ersten 60 erhielten ihre betriebsbedingte Kündigung. Als sie davon erfuhren, flossen Tränen.

Nach der Freistellungsmitteilung wurden die Hallen abgeschlossen. Die Betroffenen wurden ausgesperrt. Unter Aufsicht mussten sie ihren Spind ausräumen oder bekamen einen Termin dafür, bevor sie die Firma verlassen mussten. „Mit den Menschen, die teilweise über 40 Jahre bei Völker gearbeitet haben, wurde übel umgegangen“, stellt Martin Urbach, Betriebsratsvorsitzender der Völker GmbH, fest.

Bei der  „Neuausrichtung“ der Völker GmbH soll künftig nur noch auf Service und Wartung gesetzt werden. Zum 1. Oktober gingen 35 Beschäftigte in eine neue Service GmbH über. Diese Vorgehensweise ist „schäbig“, denn der Gesetzgeber lässt bei diesem Vorgehen zu, „dass keine Sozialauswahl über die komplette Belegschaft erfolgt“, erläutert Mathias Hillbrandt. Zu der Service-Gesellschaft zählen hauptsächlich Technik, Ersatzteillager, Motorenfertigung und Instandsetzung. Erhalten bleiben sollen auch 25 Stellen in der Verwaltung und zehn weitere bei den Service-Töchtern im Ausland.

Insolvenz in Eigenverwaltung

Nach über 100 Jahren stellt die Völker GmbH die Produktion von Pflegebetten und Nachtischen ein. Im Sommer meldete das 1912 gegründete Wittener Traditionsunternehmen Insolvenz in Eigenverwaltung an. Am Wullener Feld kriselte es seit längerem, doch aus der Chefetage verlautbarte es immer wieder: „Wir sind in der Stadt verwurzelt und stehen zu unserem Standort und dem Ruhrgebiet.“ Die einsetzende Corona-Pandemie im Jahr 2020 übertünchte die Situation des Unternehmens. Schon beim ersten Lockdown trudelten die Aufträge nur so ein. Die Arbeiten in der eigenen Schreinerei, in der Lackiererei und in der Montage liefen auf Hochtouren.  Nach der ersten Auftragswelle wurde es im Sommer wieder etwas ruhiger. Hieß es da noch „wir wollen den Staub der Vergangenheit hinter uns lassen“, so Geschäftsführerin Yvonne Risch, war zwei Jahre später in einer Mitteilung der Geschäftsführung Ende September zu lesen: Man habe die Fertigung einstellen müssen, um den Fortbestand des Unternehmens und ein Drittel der Arbeitsplätze zu sichern. Verantwortlich dafür seien „die angespannte Rohstoffverfügbarkeiten und deutliche gestiegene Material- sowie Energiekosten“.

Für den Betriebsrat, der seit Jahren unterstützt durch die IG Metall auch mit eigenen Vorschlägen für den Erhalt der Arbeitsplätze gekämpft hat, sind jedoch andere Gründe ausschlaggebend: „Es wurde in erster Linie versäumt Vertrieb und Einkauf so aufzustellen, dass man am Markt bestehen kann“, sagt Martin Urbach. Unter dem früheren Eigentümer Heinrich Völker seien noch 113 Betten am Tag produziert worden. Aktuell seien es immer weniger geworden, zuletzt nur noch 29. Dabei seien hochwertige Pflegebetten am Markt immer noch gefragt. Auch  der 2. Bevollmächtigte der IG Metall. Mathias Hillbrandt, sieht die Gründe, dass das Unternehmen an die Wand gefahren wurde, in den „Fehlentscheidungen der Geschäftsführung“. Dagegen hätten die Beschäftigten in den vergangenen Jahren alles gegeben, um den Betrieb und ihre Arbeitsplätze zu retten.

Systematisches Ausbluten

Einst aus einer Tischlerei hervorgegangen, stieg das Familienunternehmen zu einem weltweit renommierten Pflegebettenhersteller auf. Doch seit Heinrich Völker die Firma mangels Nachfolger 2012 an die US-Holding Hill-Rom, ein Medizintechnikunternehmen in Chicago verkauft hat, ging es bergab. Die Auslastung der Produktion verschlechterte sich. Der Standort Hainichen in Dresden wurde 2015 geschlossen. Die Jahresproduktion wurde von 33 000 Betten auf 18 500 heruntergefahren. Die Zahl der Beschäftigten sank von 425 im Jahr 2012 auf Anfang dieses Jahres auf 170.

2017 wurde Völker schließlich an die New Yorker Investmentfirma CoBe Capital, die sich auf den Aufkauf von Unternehmensteilen, die „nicht mehr in die Kernstrategie des Verkäufers passen“ spezialisiert hat, weiterverkauft. Viele hatten schon damals ungute Gefühle, dass „nun eine auf maximale Verwertung von Profit angelegte Investmentfirma die Regie übernimmt“, so Mathias Hillbrandt. Tatsächlich begann mit dem Erwerb der Vermögenswerte durch ein niederländisches CoBe-Unternehmen das „systematische Ausbluten des Wittener Standortes“. Schon bald musste die Gewerkschaft über einen Sanierungstarifvertrag verhandeln. Es gelang zwar den vorhandenen „Haustarifvertrag“ zu verteidigen, doch nur um den Preis, dass die Beschäftigten einen finanziellen Beitrag zur Sanierung des Unternehmens leisteten.

Mit feuchtem Händedruck abgespeist

Die Ankündigung der Geschäftsführung „für die Völker GmbH und den Eigentümer hat ein sozialverträglicher Abbau von Arbeitsplätzen oberste Priorität“ war nichts anderes als heiße

Luft. Die Verhandlungen der Interessenvertretung über einen Interessenausgleich und Sozialplan scheiterten, und damit auch die Forderung nach Einrichtung einer Transfer-Gesellschaft. „Die Beschäftigten werden stattdessen mit einem feuchten Händedruck abgespeist“, kritisiert Mathias Hillbrandt. „Auch die Gläubiger werden nullkommanull kriegen“, ergänzt Betriebsratsvorsitzender Martin Urbach. Dies bestätigt Insolvenzverwalter Dr. Markus Wischemeyer, Mitglied der White & Cases Praxisgruppe „Global Financial Restructuring and Insolvency“ : Völker habe seine „Masseunzulänglichkeit“ angezeigt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass zum einen durch das rechtzeitige Verschieben der Vermögenswerte der Völker GmbH auf ein anders CeBo-Unternehmen und zum anderen mit dem Insolvenzverfahren der Wittener Produktionsstandort kostengünstig abgewickelt wird.

Auf der Website der Völker GmbH ist zu lesen: „Unser Ziel ist eine menschenwürdige Pflege. Mit unseren Produkten steigern wir das persönliche Wohlbefinden von kranken und pflegebedürftigen Menschen.“ Die hehren Ziele „Menschenwürde und Wohlbefinden“ gelten jedoch nicht für die Kolleginnen und Kollegen, von denen viele bis zu 40 Jahre im Betrieb tätig waren und die Werte geschaffen haben. Es grenzt an Menschenverachtung wie sie in die Arbeitslosigkeit abgeschoben werden. „Wieder einmal zeigt sich, wie wichtig es ist, dass die Mitbestimmungsrechte der Interessenvertretung der Beschäftigten in wirtschaftlichen Angelegenheiten gestärkt werden“, schlussfolgert der 2. IG Metall-Bevollmächtigte Mathias Hillbrandt.

Autor: Otto König

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