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„Schmerzlicher Eingriff“ soll zur Rettung von DEW beitragen

Hattingen. Der Fortbestand der Deutschen Edelstahlwerke (DEW) ist „akut gefährdet“, heißt es in der Präambel des Restrukturierungstarifvertrags (RTV), der am 01. August in Kraft tritt. Im RTV wurde eine „Abweichung“ vom Flächentarifvertrag vereinbart, mit der Folge, dass die Jahressonderzahlungen für 2016 und 2017 „statt 110 Prozent nur 27,5 Prozent des Monatseinkommens“ beträgt. „Der Verzicht auf drei Viertel der Sonderzahlung, soll dem Arbeitgeber die nötige Zeit verschaffen, um DEW wieder ins richtige Fahrwasser zu ziehen“, erklärt Jochen Grabski, Betriebsratsvorsitzender am Standort Hattingen.

DEW – Produzent von „Hightech-Lösungen aus Spezialstahl“, beschäftigt in Witten, Krefeld, Siegen, Hagen und Hattingen rund 3.600 ArbeitnehmerInnen und gehört seit 2007 der in der Schweiz ansässigen Schmolz und Bickenbach AG. Während die Unternehmensgruppe 2015 weltweit insgesamt einen Umsatz in Höhe von 2,7 Mrd. Euro einfuhr, gingen bei ihrer Tochter nach Auftragseinbrüchen im Geschäftsjahr 2014/2015 der Umsatz um 11 Prozent und entsprechend auch die Margen zurück, was zu „roten Zahlen“ führte. Das vergangene Geschäftsjahr schloss DEW mit einem Defizit von rund 30 Mio. Euro ab.

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Der Auftragseinbruch sei u.a. darauf zurückzuführen, dass das Öl- und Gasgeschäft weggebrochen ist. Allerdings gäbe es auch hausgemachte Probleme, die diese Entwicklung forciert hätten, so Jochen Grabski. DEW selbst verweist allerdings auf die „asiatische Konkurrenz“ die mit modernsten Spezialedelstählen für die Luft- und Raumfahrtindustrie, Medizin- und Energietechnik und Dumpingpreisen auf den europäischen Markt drängen.

Ein Indiz für „hausgemachte“ Probleme könnte das überraschende Ausscheiden des bisherigen Vorsitzenden der Geschäftsführung Oliver Bell nach nur einjähriger Tätigkeit sein. „Der Hintergrund für seine Entscheidung liege in den unterschiedlichen Auffassungen über die strategische Ausrichtung der Deutschen Edelstahlwerke“, schrieb die Rheinische Post (03.06.2016) Die Geschäfte werden von Jürgen Alex (Technik), Mathias Rist (Controlling) und dem seit Juli 2016 berufenen Arbeitsdirektor Michael Leßmann fortgeführt.

Sparmaßnahmen und Arbeitnehmerbeiträge sollen „finanzielle Schieflage“ beseitigen

Die Geschäftsführung will mit einem „Bündel von Maßnahmen“ in 2016 rund 35 Millionen einsparen. Da dies nach ihrer Auffassung nicht ausreicht, die „finanzielle Schieflage“ zu beenden und die Bedrohung „dass Banken den Geldhahn zudrehen“ zu bannen, beantragte sie bei der IG Metall eine „Abweichung vom Tarifvertrag“, also den Verzicht auf 75 Prozent der 110protzentigen Jahressonderzahlung (Urlaubs- und Weihnachtsgeld).

Nicht nur in diesem Fall fällt auf, dass immer dann, wenn Unternehmen von ihren ArbeitnehmerInnen einen Beitrag zur „Rettung des Unternehmens“ einfordern, ihre Bücher öffnen und Zahlen zur Überprüfung auf den Tisch legen. Dabei stellte die Oberhausener Unternehmensberatung Q & A Banner-Küster, die für die IG Metall die wirtschaftliche Prüfung vornahm, beispielsweise fest, dass der Mutterkonzern seine Tochter finanziert, dafür aber horrende Zinsen in Höhe „von 9,9 Prozent“ verlangt, und dies in einer Zeit, wo es auf dem Kapitalmarkt kaum Zinsen gibt. (Stahlnachrichten IGM Bezirk NRW).

Mit dem Beitrag der rund 3.600 DEW-Beschäftigten – einschließlich AT-Angestellte, Leitende Angestellte und Geschäftsführer – in Höhe von 15 Mio. Euro pro Jahr in 2016 und 2017 soll das „angepeilte Einsparziel“ erreicht werden, so sieht es der zwischen dem Arbeitgeberverband Stahl e.V. und der IG Metall NRW abgeschlossene DEW-RTV vor. Als Gegenleistung verpflichtete sich die Geschäftsführung die „Beschäftigung zu sichern“, d.h. in diesem Zeitraum keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen. Darüber hinaus soll ein sechsköpfiges Kontrollgremium, dem Vertreter des Gesamtbetriebsrates, des IGM-Stahlbüros und der Q&A-Beratungsagentur angehören, die Maßnahmen überprüfen und ggfs. korrigieren.

„Schmerzlicher Eingriff“ für die Beschäftigten

Als die Mitglieder der betrieblichen Tarifkommission dem Tarifvertrag zustimmten, wussten sie, dass der Verzicht auf einen Großteil der Sonderzahlung „ein schmerzlicher Eingriff“ in die Geldbeutel der KollegInnen ist. „Wir haben vor Ort sehr ernsthaft darüber diskutiert, ob die Geschäftsführung diesen Vertrauensvorschuss verdient hat“, sagt der Hattinger Betriebsratsvorsitzende. Im Interesse des Erhalts der Arbeitsplätze hätten sie jedoch zugestimmt – der eine oder andere von den 46 Beschäftigten in Hattingen wahrscheinlich mit der geballten Faust in der Hosentasche.

Foto: DEW-Standort im Gewerbepark Henrichshütte in Hattingen –  Fotos: IGM-GH
Foto: Betriebsratsvorsitzender Jochen Grabski vertritt mit seinem fünfköpfigen Gremium die Interessen der Beschäftigten in der DEW-Gruppe

 

 

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