AktuellesArtikelIG Metall

„Setzen die in Zukunft wieder Grubenponys ein?“ – Muckenhaupt GmbH in Hattingen

Der Bergbauzulieferer Muckenhaupt GmbH, der bis 1986 umsatz- und beschäftigungsmäßig wuchs, geriet als Lieferant von Transportsystemen für den Untertagebau mit den dazugehörigen Überwachungs- und Steuerungseinrichtungen für die Ruhrkohle AG in die Krise. Im April 1987 stellte die Betriebsratsspitze mit Unterstützung der IG Metall Hattingen eine äußerst gefährliche Bilanzentwicklung fest, deren Ursachen einerseits in gravierenden personellen Fehlentscheidungen und andererseits in einer falschen Investitionspolitik lagen.

Die beiden Betriebsratsvorsitzenden Claus Möller und Anna Schulte suchten gemeinsam mit IG Metall-Sekretär Hartmut Schulz im Gespräch mit Geschäftsführer Manfred Moews nach Auswegen aus der sich anbahnenden Katastrophe. Der plötzlich „Verbündete“ versuchte noch wenige Jahre zuvor mit allen Mitteln die Initiative von Anna Schulte und ihrer Kollegen Hans-Günter Hasselbeck und Reinhold Keuth zur Wahl eines Betriebsrates in „seinem“ Haus zu verhindern. Alle Arbeiter, die kandidieren wollten, wurden in die Strafkolonne „Rollenböcke“ versetzt, hatten Lohnverlust, wurden hochnotpeinlich befragt und verleumdet. Es kam zu Kündigungen. Andere warfen genervt selbst das Handtuch. Dennoch wurde der Betriebsrat gewählt. Es folgte „eine Zeit langer Telefongespräche, Nachtsitzungen, tränenreicher Zusammenbrüche und gewerkschaftlicher Erste-Hilfe-Kurse“, so Anna Schulte später.

Der Kampf beginnt

Während sich die IG Metall Hattingen beim Düsseldorfer Wirtschaftsministerium für finanzielle Fördermittel für ein technisches Konzept zum Umstieg auf bergbauferne Produkte stark machte, kam es zum Eklat zwischen den Gesellschaftern Klöckner-Becorit (60%-Anteile) und Helmut Muckenhaupt (40%-Anteile). Das auf Verlangen der Banken von Moews zusammen geschusterte Sanierungskonzept – Personalreduzierung auf 150 Beschäftigte, Schließung der Produktionsstätte an der Bredenscheider Straße und Konzentration auf das Gelände im Ludwigstal- wiesen die Kreditinstitute als unrealistisch zurück. Schließlich schieden auf massiven Druck der Banken und des Mehrheitsgesellschafters der Eigentümer Helmut Muckenhaupt und Geschäftsführer Moews Ende August 1987 aus dem Unternehmen aus.

Klöckner-Becorit erhöhte das Kapital von 2 auf 5,75 Mio. DM. Da dies jedoch nicht bis zum Ablauf der von den Banken gesetzten Frist vollzogen wurde, sperrten die Kreditinstitute Mitte September der Muckenhaupt GmbH die Kreditlinie: Offene Rechnungen und vor allem die Löhne konnten nicht gezahlt werden. Zwei Tage später zogen die Muckenhäupter vor die Hauptverwaltung des Hauptanteileigners in Castrop-Rauxel, in der der Aufsichtsrat tagte und forderten ihre Löhne.

Um einen „stillen Vergleich“ zu ermöglichen, ließ sich der Betriebsrat breit schlagen und stimmte in Verhandlungen über einen „vorbehaltlichen“ Interessenausgleich ein. Dieser sollte als „Vorleistung“ der Belegschaft in die Gespräche mit den Banken eingebracht werden. Doch diese verhinderten einen „außergerichtlichen Vergleich“. Der neue Geschäftsführer Karl-Heinz Weitschat musste Vergleich anmelden. Alle 270 Arbeitsplätze standen auf der Kippe.

Solidarität ist keine Einbahnstraße

Da die Gefahr drohte, dass Lieferanten den Betrieb ausplünderten, „bewachten“ ab sofort die Beschäftigten den Betrieb Tag und Nacht. Als die Arbeiter und Angestellten der Henrichshütte erfuhren, dass die Arbeitsplätze ihrer KollegInnen bei Muckenhaupt bedroht waren, legten sie die Arbeit nieder und zogen am 22. September ins Ludwigstal. 2.000 Stahlarbeiter holten 200 „Muckenhäupter“ vor „ihrem“ Betrieb ab und demonstrierten mit ihnen zu einer gemeinsamen Kundgebung ins „Dorf des Widerstands“. An diesem Tag zeigte sich: Solidarität ist keine Einbahnstraße.

Um den Druck auf die Banken und den Gesellschafter zu erhöhen, starteten die IG Metall- Vertrauensleute öffentlichkeitswirksame Aktionen: Die Beschäftigten demonstrierten in der Schalterhalle der Deutschen Bank in Essen und vor der Hauptverwaltung von Klöckner Becorit in Castrop-Rauxel für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Mitte Dezember 1987 wurde das Vergleichsverfahren eröffnet. Danach blieb eine sechswöchige Frist, um die Zustimmung der Gläubiger zu einem Vergleichsvorschlag herbeizuführen. Um die Bänker weich zu kochen, besetzten die KollegInnen Mitte Januar 1988  die „Schalterhallen“ der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), Westfalenbank und Dresdner Bank in Bochum.

Spätabends, am 24. Januar 1988, gelang es den Knoten durchzuhauen: Während die Beschäftigten auf dem Untermarkt in Hattingen und vor der Treuarbeit in Düsseldorf Mahnwachen durchführten, tagte drinnen unter Federführung des Wirtschaftsministeriums und unter Beteiligung des Betriebsrates und der IG Metall eine „Elefantenrunde“. Das Ergebnis: Die Gläubiger verzichteten auf einen Teil ihrer Forderungen. Das Land NRW stellte unter dem Vorbehalt, dass sich Klöckner-Becorit als alleiniger Gesellschafter bei der Muckenhaupt GmbH stärker engagiert und die überfällige Kapitalerhöhung vollzieht, eine Landesbürgschaft in Höhe von 3 Millionen DM in Aussicht. Damit war der Anschlusskonkurs abgewendet. Jubelrufe hallten am nächsten Tag durch die Werkhalle als Anna Schulte verkündete: „Wir sind gerettet!“

foto-2_bv_muckenhaupt_anna-schulte Stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Anna Schulte in der Betriebsversammlung von Muckenhaupt

Initiativen für neue Betätigungsfelder

Jetzt folgte der wichtigste Teil der Arbeit. Betriebsrat, Vertrauenskörper und Gewerkschaft stellten die Weichen für die Zukunft: Berufliche Qualifizierung und Aufbau eines bergbaufernen zweiten Standbeines hießen die Aufgaben. Der Betriebsrat mit seinem Vorsitzenden Claus Möller beauftragte das GEWOS-Institut unter Leitung von Klaus Kost mit der Belegschaft nach neuen, sinnvollen Betätigungsfeldern außerhalb des Bergbaus zu suchen. Ziel war die Erarbeitung eines zukunftsorientierten Unternehmenskonzepts.

Auch in diesem Fall zeigte sich, dass in der Belegschaft Ideen für neue Produkte und verbesserte betriebliche Strukturen vorhanden waren. Bezogen auf die bisherige Produktpalette erschienen den KollegInnen folgende Märkte als aussichtsreich: Transport- und Verkehrstechnik, Lager- und Umschlagtechnik und Reinigungs- und Entsorgungstechnik. Unter Nutzung des Wissen und der Erfahrung der Beschäftigten arbeiteten die GEWOS-Berater u.a. folgende Produktlinien heraus: Kanalsanierungstechnologien, Hydraulikkomponenten und – service, Gelenkachsen für Schienenfahrzeuge, Seilbahnbau.

„Setzen die in Zukunft wieder Grubenponys ein?“

Ohne Zweifel war es der Muckenhaupt-Belegschaft und ihrer IG Metall gelungen, alternative Produktlinien vorzuschlagen und deren Umsetzung zu erzwingen. Doch um diese Arbeitnehmerinitiative zum Erfolg zu führen, bedurfte es Zeit und Geld. Beides wollte Klöckner-Becorit aber nicht einsetzen: Ihre ungeliebte Tochter sollte abgestoßen werden. Die fast „perfekte“ Übernahme im 1. Halbjahr 1988 durch den größten saarländischen Bergbauzulieferer Walter Becker GmbH kam nicht zustande. Drei Jahre später, im Jahr 1991, kaufte der Investor Hans-Joachim Scharfenberg die Muckenhaupt GmbH. Doch es blieb bei seinen großspurigen Ankündigungen, zwei weitere industrielle Standbeine „Antriebs- und Umwelttechnik“ zur Marktreife zu bringen.

Fünf Jahre später – Im Dezember 1996 – wurde durch eine erneute Landesbürgschaft in Höhe von 1,4 Mio. DM in letzter Minute nochmals der Konkurs abgewendet. Mit fünf neuen Eigentümern sollte in eine neue Zukunft gestartet werden. Zu ihrem Konzept gehörten die Schwerpunkte „mehr Export“ und Erweiterung der Sparte „Industrietechnik“. Doch das Konzept hatte keine Chance.  Die Kapitalausstattung der Firma war zu gering, um einen wirklichen Strukturwandel einzuleiten.

Unter Beteiligung des Betriebsratsvorsitzenden Claus Möller und des 2. Bevollmächtigten der IG Metall Hattingen, Alfons Eilers, sowie des Landes NRW wurde im September 1998 ein Konzept zur „sozialverträglichen Liquidation“ ausgehandelt. Danach sollte Muckenhaupt vorerst weiter produzieren, um dann mit seinen Geschäftsspartnern und zehn bis 15 Arbeitsplätzen von der Hammer RAG-Tochter Scharf/ Deutsche Bergbautechnik übernommen zu werden. Doch die RAG ließ das Konzept platzen.

Geschäftsführer und Belegschaft fuhren am gleichen Tag nach Essen. Manfred Jurjahn stellte beim Amtsgericht den Antrag auf Konkurs. Die aufgebrachte 50köpfige Restbelegschaft stellte in der RAG-Zentrale den stellvertretenden Vorsitzenden Wilhelm Beermann zur Rede. Er faselte vom Rückgang des Bergbaus, von der Verringerung des Einkaufsvolumens der RAG, vom Dollarverfall und der Weltwirtschaft. Beim Rausgehen fragten die Kollegen zynisch: Wenn die unsere Transportsysteme unter Tage nicht mehr brauchen, setzen die in Zukunft wieder Grubenponys ein?

1999 gründete der Moerser Unternehmer Reiner Bräutigam die „Muckenhaupt Maschinen und Transporttechnik GmbH“ und erwarb vom Insolvenzverwalter Rolf Otto Neukirchen das Knowhow des Unternehmens. Seine „Bräutigam Group“ zeichnete sich vor allem durch den Kauf von maroden Firmen aus. Er übernahm die verbliebenen 36 Beschäftigten. Doch, er gab nur ein kurzes Gastspiel im Ludwigstal. Im Jahr 2000 begann er mit der Verlagerung der Produktion nach Moers. Ein Großteil der Kollegen fand im dortigen Betrieb neue Arbeit. Im Januar 2001 wurde der ehemalige Muckenhaupt-Standort, der heute die Düsterloh Fluidtechnik beherbergt, endgültig geschlossen.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quelle:
Otto König, „Band der Solidarität – Widerstand, Alternative Konzepte und Perspektiven“, VSA Verlag Hamburg 2012

Fotos: IGM GH-Archiv

Weitere Artikel

Back to top button
Close