Was macht eigentlich

„Vom Süden in den unbekannten Norden“

Anfang Mai 1961 verließ Rocco Mondo Butera, sein Heimatdorf auf Sizilien. „Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich wegfuhr“, erzählt er. „Ich stand mit meinem Koffer an der Bushaltestelle als der katholische Priester kam und fragte: „Willst du auch nach Deutschland?“ Ja, er begann seine Reise ins Unbekannte. Im Gepäck sein auf zwölf Monate befristeter Arbeitsvertrag mit einer deutschen Firma und die Hoffnung in Deutschland sein Glück zu machen.

Er folgte den Spuren seines Bruders, der schon am Rande des südlichen Ruhrgebiets arbeitete. Zwei von hunderttausenden jungen Migranten, aus dem strukturschwachen Süditalien, die es mangels beruflicher Perspektiven in ihren landwirtschaftlich geprägten Heimatdörfern in den Norden zog. Dorthin – wo angesichts fast erreichter Vollbeschäftigung die Personalchefs in den Metallbetrieben händeringend Arbeitskräfte suchten.

Die zweite Station auf der langen Reise war Verona. „Hier wurden wir im  Anwerbebüro von einer deutschen Kommission medizinisch auf unseren Gesundheitszustand untersucht und anschließend als arbeitstauglich in den Zug nach München gesetzt“, schildert Rocco. Der Münchner Hauptbahnhof war Anlaufpunkt für die italienischen Zuwanderer. „Freundlich empfangen, wurden wir mit einem Fresspaket versorgt und in einen Zug Richtung Ruhrgebiet gesetzt. Am Anfang waren wir noch viele. Doch bei jedem Stopp rief der Schaffner die Namen derjenigen, die aussteigen mussten, in den Waggon. Wir wurden immer weniger.“

Als der 17-Jährige zum ersten Mal seinen Fuß auf den Bahnsteig in Wuppertal-Elberfeld setzte, hatte er nicht im Kopf, sein Heimatland Italien für immer zu verlassen. So wie viele seiner italienischen Landsleute (1) dachte er, „vielleicht bleibe ich zwei oder drei Jahre, dann geht’s zurück“. Es wurden jedoch 53 Jahre. Der Ennepe-Ruhr-Kreis wurde für ihn zur zweiten Heimat, hier kurz hinter der Stadtgrenze von Wuppertal lebt der 70-Jährige IG Metaller mit seiner Frau Doris. Es sind nicht nur die Weinreben an ihrem Haus, die an seine Heimat Sizilien erinnern.

Rocco Mondo wurde im März 1944 als Sohn eines Bauern in der Gemeinde Butera in der Provinz Caltanisetta geboren. Der Krieg in Italien war beendet, denn neun Monate vor seiner Geburt  landeten die West-Alliierten auf Sizilien, brachen den Widerstand der Italienischen und deutschen Soldaten und leiteten das Ende der faschistischen Herrschaft unter Benito Mussolini ein.

Seine Familie und fast alle Menschen in der Region, in der er aufwuchs, lebten mehr oder weniger gut von der Landwirtschaft  – insbesondere von den  Produkten Getreide, Obst und Mandeln. Hier ging er in den 50er-Jahren acht Jahre in die Volksschule, arbeitete danach auf dem Bauernhof. Es war diese – nicht gerade rosige Zukunftsperspektive – die in ihm den Gedanken reifen ließ, sein „Glück in Deutschland zu suchen“. Die Ratschläge  eines seiner Brüder, der schon in Ennepetal arbeitete, hat seine Entscheidung maßgeblich beeinflusst.

Sein erster Arbeitgeber war die Gießerei Stockey & Schmitz in Ennepetal an. Noch minderjährig wurde er im Lager eingesetzt, um Gussteile zu verpacken. 1962 machte er mit seinem Bruder einen Abstecher ins Badische. In Karlsruhe-Durlach montierten sie Kühlschränke am Band. Nebenher bildete sich Rocco weiter, machte seinen Schweißerschein, was ihm einen Reparaturjob in einer Baufirma verschaffte.

Es war Mitte der 60-er Jahre als es ihn wieder nach Gevelsberg zurückzog. Zwei Jahre schweißte Rocco Behälter bei Heson in der Rosendahler Straße, bevor er 1965 wieder bei Stockey & Schmitz nun als Schweißer anfing. Es war die Zeit als in dem Betrieb, der Anfang 2000 in Insolvenz ging, noch rund 300 Arbeitnehmer beschäftigt waren. Ende der 60er-Jahre wurde der aktive Gewerkschafter, inzwischen zum Vorarbeiter „aufgestiegen“, in den neun-köpfigen Betriebsrat gewählt.

1978 machte sich Rocco Mondo mit seinen Schweißerkenntnissen handwerklich selbstständig. Doch der „Ausflug in die Selbstständigkeit“ währte nur fünf Jahre.  Zum ersten Mal erlebte er die bürokratischen Mühlen der Arbeitsverwaltung, verließ sich jedoch nicht auf deren Vermittlung, sondern machte sich selbst auf Arbeitssuche  und wurde schließlich bei der Maschinenbaufabrik ERBÖ in Haßlinghausen fündig. „Da kommen sie ja endlich. Wir haben schon auf sie gewartet. Wann  können sie anfangen“, hörte er erstaunt bei seinem ersten Gespräch in der Firma. Nachdem er die Arbeit aufgenommen hatte, stellte sich heraus, dass das Arbeitsamt einen anderen italienischen Kollegen für diese Arbeitsstelle geschickt hatte, der sie jedoch nicht antrat.

Auch bei ERBÖ machte sich Rocco für die Forderungen seiner Kollegen stark. Schließlich kandidierte er bei der Betriebsratswahl 1984. Zuerst als Ersatz-Mitglied gewählt, rückte er ein Jahr später in das Interessenvertreter-Gremium ein, dessen Vorsitz er später zum Leidwesen des Geschäftsführers übernahm. Dass der Betriebsrat nun drei Mal im Jahr eine Betriebsversammlung durchführte und auf den Abschluss von Betriebsvereinbarungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen bestand, erboste den Geschäftsführer Mathias Otto-Erley. Für ihn waren der Betriebsratsvorsitzende und seine Gewerkschaftsvertreter von der  IG Metall, Hans-Jürgen Iske bzw. Jochen Stobbe, ein „rotes Tuch“.

Der tägliche „Kleinkrieg“ zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung spitzte sich zu, als die Firma, deren rund 70 Beschäftigte u.a. Produkte für den Untertage-Bergbau produzierten, 1997 aus dem Metallarbeitgeberverband austrat, um der Tarifbindung und damit künftigen Lohnerhöhungen zu entfliehen. „Dass ich meinen Kollegen zu Schichtbeginn erklärte, wenn es keine Lohnerhöhung gibt, dann werden auch keine Überstunden mehr verfahren“, wurde der Geschäftsführung zugetragen. Ihr Versuch, ihn loszuwerden ging nicht auf.

Fortan erlebte er allerdings was „Mobbing“ bedeutet, vor allem als er sich 2004 aus Enttäuschung nicht mehr zur Wahl aufstellen ließ. „Es war schon schlimm erfahren zu müssen, dass deine eigenen Betriebsratsmitglieder nicht hinter dir stehen und eher den Argumenten des Chefs Gehör schenken“, sagt Rocco nachdenklich.

Nach Ende des einjährigen Sonder-Kündigungsschutz für Betriebsratsmitglieder hieß es in einem Gespräch in der Chefetage: „Wenn sie nicht gehen, muss ein anderer gehen!“ Mit Unterstützung der Hauptamtlichen seiner Gewerkschaft wurde sein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Betrieb arrangiert. Es schloss sich eine Zeit der Arbeitslosigkeit an bis Rocco in Rente gehen konnte.

Heute werkelt der langjährige Metaller stundenweise in seiner Werkstatt – das Schweißgerät in Reichweite. Vor der Tür liegt ein großer Garten, der bearbeitet werden will. Nein, Langeweile kann da nicht aufkommen. Denn da sind ja auch noch die monatlichen Treffen mit seinen Kollegen vom Migrantenausschuss bzw. in der quartalsmäßigen Delegiertenversammlung der IG Metall Verwaltungsstelle Gevelsberg-Hattingen, wenn er nicht mit seiner Frau Doris auf der „Piazza Dante“ in Butera einen Espresso genießt  bzw. bei Freunden rund um Kapstadt in Südafrika unterwegs ist.

Anmerkung

Rund 1.000 Sizilianer, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in Gevelsberg niederließen,  haben ihre familiären Wurzeln in der Gemeinde Butera und in der umliegenden Region Caltanisetta. Im Jahre 2004 beschloss die Stadtverordnetenversammlung in Gevelsberg eine Städtepartnerschaft mit der sizilianischen  Kleinstadt.

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