AktuellesArtikelPolitisches

Unterdrückung und Folter in der »Kolonie der Würde«

»Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück«, heißt der Film des Regisseurs Florian Gallenberger, der aktuell in den Kinos angelaufen ist. Der 110-minütige Thriller beginnt mit dem Militärputsch von Augusto Pinochet gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 in Chile. Hunderttausende protestieren auf den Straßen Santiagos – unter ihnen das Liebespaar Lena (Emma Watson), die als Stewardess am Tag zuvor in Chile gelandet ist, und Daniel (Daniel Brühl), der als Fotograf in Santiago lebt.

Der Geheimdienst DINA lässt Gewerkschafter und Anhänger von Präsident Allende verfolgen und aus dem Weg räumen. Auch Daniel wird verhaftet, gefoltert, und in die berüchtigte „Colonia Dignidad“ verschleppt. Lena, die Daniel retten will, bekommt von der Deutschen Botschaft in Santiago keine Hilfe. Bei Amnesty International hört sie von der berüchtigten Kolonie, einer abgeschotteten deutschen Sekte im Süden Chiles.

Lena entschließt sich der mysteriösen Sekte beizutreten und so Daniel wiederzufinden. Für sie beginnt ein furchtbarer Alptraum: Unterdrückung, Missbrauch und Gewalt gehören zum Alltag hinter Stacheldraht. Es gelingt ihr zu Daniel Kontakt aufzunehmen, gemeinsam planen sie den lebensgefährlichen Ausbruch aus der mit Selbstschussanlangen gesicherten Anlage. Vier Jahre lang hatte Regisseur Gallenberger in Chile die Geschichte der dortigen Sektensiedlung und ihres Gründers Paul Schäfer – gespielt von Michael Nyqvist – recherchiert.

Die Geschichte der »Colonia Dignidad« begann 1961. Der Laienprediger Paul Schäfer, der in den 50er Jahren durch das Rhein- und Münsterland zog und das Urchristentum verkündete, setzte sich, nachdem die Staatsanwaltschaft Bonn gegen ihn einen Haftbefehl »wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen« erlassen hatte, nach Chile ab. Rund 300 Anhänger der »Private Sociale Mission« in Siegburg und der evangelisch-freiheitlichen Gemeinde Gronau folgten ihrem »Messias« ins „gelobte Land“.

In den grünen Hügeln nahe des Ortes Parral, 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile, stampften die Sektenmitglieder auf einem zunächst 3.000 – später 15.000 ha – großen Gelände einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb aus dem Boden. Die »Gesellschaft für Wohltätigkeit und Erziehungsanstalt der Würde« gab vor, sich der Betreuung von Armen und hilfsbedürftigen Kindern zu widmen.

Tatsächlich errichtete der Sekten-Guru hinter Maschen- und Stacheldrahtzäunen in der „Kolonie der Würde“, wie sie Schäfer zynisch nannte, eine perfide Schreckensherrschaft, die auf bedingungsloser Unterwerfung gründete. Seine »Jünger« mussten ihre familiären Bindungen aufgeben. Die Kinder wurden von ihren Eltern getrennt, heimliche Liebesbeziehungen bestraft, Heiraten verboten. Der Psycho-Terror machte die Menschen zu gefügigen Werkzeugen.

Unter dem Mantel der Mildtätigkeit sicherte sich der Päderast die Möglichkeit, deutsche und chilenische Jungen systematisch sexuell zu missbrauchen, Mädchen zu schlagen und zu demütigen. Wer nicht gehorchte, wurde mit Elektroschocks gequält und mit Psychopharmaka betäubt.

Die Blütezeit der Colonia Dignidad begann am 11. September 1973: Der Putschist General Pinochet erkannte die Möglichkeiten, die die streng abgeschirmte Enklave der Deutschen für seinen menschenverachtenden Umgang mit politischen Gegnern bot. Die Kolonie wurde zu einem Konzentrationslager und Folterzentrum des berüchtigten Geheimdienstes DINA.

Die DINA-Schergen verschleppten regimekritische Chilenen in die Kolonie, wo die „Verschwundenen“ (desaparecidos) mit Schäfers Hilfe interniert, gequält und umgebracht wurden. Amnesty International (AI) geht davon aus, dass bis zum Ende der Diktatur 1990 mindestens 119 Opfer des Regimes in die Colonia verschleppt wurden.

Schäfer und seine Anhänger konnten auch in Deutschland auf politische Unterstützung bauen, vor allem im konservativen Spektrum, das den Putsch gegen den sozialistischen Präsidenten Allende nicht nur klammheimlich begrüßte. Die CSU zeigte sich beeindruckt von der Verbundenheit mit dem bayerischen Brauchtum in den fernen Anden.

Euphorisch schrieb der ehemalige Münchner CSU-Stadtrat Wolfgang Vogelsang nach einem Besuch der Colonia: »Man ist konservativ, denkt an Bayern, zeigt die Fahne mit Löwen und Raute. Hoffnung für Deutschland«. Schließlich machte auch der damalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß der Sekte 1977 seine Aufwartung. Ein signiertes Porträt des CSU-Chefs hing bis Mitte 1990 in einem der zentralen Gebäude auf dem Gelände.

Auch nachdem Amnesty International die Broschüre »Colonia Dignidad – ein Folterlager der DINA« im März 1997 in Frankfurt a.M. vorgestellt hatte, die detaillierte Informationen zu Folterungen in der Sektenkolonie enthielt, teilte der deutsche Botschafter Erich Strätling nach einem Besuch in der Kolonie dem Auswärtigen Amt in Bonn mit: »Ich habe keine unterirdischen Folteranlagen gefunden«, die Vorwürfe seien »Gerüchte und unbewiesene Behauptungen«.

Gute, fleißige Deutsche, die sich gegen verleumderische Gerüchte von Exil-Chilenen wehren mussten – das war bis 1985 die Sicht der Deutschen Botschaft auf die Kolonie. Erst zehn Jahre später sah sich die Bundesregierung aufgrund drängender Fragen von Menschenrechts-organisationen genötigt, »die Komplizenschaft der deutschen Botschaft mit Schäfers Terrorregime“ zu beenden.«

Im Februar 1991 legte die chilenische Nationale Kommission »Wahrheit und Versöhnung« ihren Abschlussbericht zur Aufarbeitung der Diktatur vor. In ihm sind die »Verbindungen zwischen der DINA und der Colonia Dignidad« belegt. Die juristische Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad und der Putschisten kam in den Folgejahren wie in fast allen lateinamerikanischen Ländern jedoch nur langsam voran.

Der 1996 untergetauchte Paul Schäfer wurde nach achtjähriger Flucht in Argentinien verhaftet und an Chile ausgeliefert. Mitte Mai 2006 wurde er im Bezirk Letras de Parral wegen sexuellen Missbrauchs von 25 Kindern zu 20 Jahren Haft verurteilt, in der er 2010 im Alter von 88 Jahren verstarb. Schließlich verurteilte der Oberste Gerichtshof in Santiago Ende Januar 2013 nach langen Verhandlungen und Revisionen 21 Angeklagte aus der früheren Colonia rechtskräftig.

Zu den Verurteilten gehört der ehemalige Arzt und Leiter des Krankenhauses der Colonia Dignidad, Hartmut Hopp. Der in Abwesenheit wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch zu fünf Jahren Gefängnis Verurteilte setzte sich im Sommer 2011 nach Deutschland ab und lebt bis heute unbehelligt am Niederrhein in Krefeld. Da die Bunderepublik keine Staatsbürger in Länder außerhalb der EU ausliefert, bat der Oberste Gerichthof von Chile die deutsche Justiz darum, Hopp seine Strafe in Deutschland verbüßen zu lassen. Die Krefelder Staatsanwaltschaft prüft seit einiger Zeit ein Vollstreckungsgesuch.

Im November 2015 demonstrierten rund 40 Chilenen vor der »Villa Baviera«, wie die ehemalige Sektensiedlung heute heißt, in der noch immer etwa 150 ehemalige Sektenmitglieder leben. Sie betreiben auf dem Gelände des Grauens einen Tourismuspark (www.villabaviera.cl.). Die Bewohner empfangen die Touristen in Lederhosen und Dirndl.

Während die Angehörigen am Zaun des Geländes große Schwarz-Weiß-Fotografien der »desaparecidos« befestigten und lautstark für ein Ende des Folklore-Tourismus über den Folterbunkern protestierten, startete drinnen das jährliche »Oktoberfest«. Bei volkstümlicher Musik wurde im Restaurant „Zippelhaus“ deftige Kost serviert: Schweinshaxe, Senfbraten, Nackensteaks, Bratwürste.

„Für die Opfer der Colonia Dignidad“, heißt es im Nachspann des Films. Bis heute tun sich die Ehemaligen der »Colonia Dignidad« mit der Aufarbeitung der Geschichte des Ortes als Haft- und Folterstätte schwer. Auf Plakaten an der Außenwand des Hotels der Villa, auf denen die Geschichte der Siedler skizziert wird, werden die »Paul Schäfer-Terrorjahre« von 1961 bis 1997 lapidar als »años difíciles« (schwierige Jahre) charakterisiert.

Im vergangenen Jahr hatte der Richter Jorge Zepeda dem chilenischen Staat angewiesen am Eingangstor der Villa Baviera eine staatliche Gedenkstätte zu errichten, in der die Beteiligung der Kolonie an Folter und Ermordung von chilenischen Oppositionellen während der faschistischen Pinochet-Diktatur dokumentiert werden soll. Die Umsetzung lässt auf sich warten.

„Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“. Drama mit Emma Watson, Daniel Brühl und Michael Nyqvist; Regie: Florian Gallenberger, D/LUX/FR 2015, 110 min; Kinostart: 18.2.2016.

Foto: Filmszene mit Emma Watson und Daniel Brühl – Foto: Majestic

Weitere Artikel

Back to top button
Close