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„Weichen für die Zukunft gestellt“

Die IG Metall wurde in diesem Jahr 125 Jahre alt. Mit einem Empfang feierten Mitglieder und Funktionäre der IG Metall Gevelsberg-Hattingen im Bildungszentrum Sprockhövel den Geburtstag. Auf dieser Seite berichteten wir in den zurückliegenden Wochen schlaglichtartig über Ziele und Kämpfe in der Geschichte unserer Gewerkschaft vor Ort . Mit diesem Artikel schließen wir die Reihe ab.

Im Mai 2000 schlugen die MetallerInnen im Ennepe-Ruhr-Kreis ein neues Kapitel in der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung auf. 185 Delegierte wählten im IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel den Ortsvorstand der neugebildeten IG Metall Gevelsberg-Hattingen. Fast neun Jahrzehnte Jahre nach der Einrichtung von  Verwaltungsstellen des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) in Gevelsberg (1910) und Hattingen (1920) vereinbarten die betrieblichen Funktionäre aus beiden Organisationsbereichen, die künftige Arbeit gemeinsam zu gestalten.

Von der Frühindustrialisierung bis zum heutigen Tag ist das märkisch-westfälische Industriegebiet südlich der Ruhr – von Hattingen bis Gevelsberg – durch die Metallindustrie geprägt. Schon im 18. Jahrhundert siedelten sich in Milspe kleine Fabriken und Manufakturen an, während im Nordkreis auf der Henrichshütte in Hattingen der erste Hochofen angeblasen wurde und in Sprockhövel, der „Wiege des Ruhrbergbaus“, Bergbauzulieferer ihre Tätigkeit aufnahmen.

Der Deutsche Metallarbeiterverband wurde auch im Ennepe-Ruhr-Kreis in einem Zeitalter gegründet, als Kinderarbeit und eine sechzigstündige Arbeitszeit an der Tagesordnung waren. Die Einsicht in die Notwendigkeit des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses, erwuchs aus den Erfahrungen der damaligen KollegInnen, dass das Zusammenschließen erfolgreicher ist, als das zersplitterte Vorgehen.

Großer Arbeitskampf im Raum Hagen-Schwelm

Mitte März 1910 eskalierte ein Lohnkonflikt von 24 Formern der Gießerei Dieckerhoff in Gevelsberg Mitte März 1910, die bis zu sechs Prozent mehr Lohn forderten. Durch das Eingreifen des Arbeitgeberverbandes weitete sich der Streik aus, so dass im Sommer 1910 rund 20.000 Arbeiter im Raum Hagen-Schwelm ausgesperrt waren.

An dieser Auseinandersetzung war vermutlich auch der Former Walther Oettinghaus beteiligt, der 1920 Nachfolger von Hermann Müller als Erster Bevollmächtigter wurde. Im gleichen Jahr wählten die Metaller und Stahlarbeiter im Nordkreis den Metallarbeiter Wilhelm Warnecke zum Ersten Bevollmächtigten der DMV Verwaltungsstelle Hattingen an der Ruhr.

In Folge der Niederlage des deutschen Kaiserreiches im 1. Weltkrieg und der Novemberrevolution 1919 wurden die Gewerkschaften anerkannte Akteure bei der Gestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Allerdings gingen die durch die Revolution erzielten Verbesserungen bei Löhnen, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen während der Weimarer Republik teilweise wieder verloren. Aufgrund der zunehmenden Inflation und der Verelendung breiter Volksschichten ab Ende 1921 gerieten die Gewerkschaften in die Defensive. Hinzu kam, dass die Gewerkschaften in der Endphase der Weimarer Republik nicht geschlossen handelten, um den zunehmenden Unternehmerangriffen und der politischen Rechtsentwicklung wirksam entgegen treten zu können 

Nazis zerschlagen Gewerkschaften

Im Deutschen Reich stürmten am 2. Mai 1933 Nazischläger die Gewerkschaftshäuser, verwüsteten Büros, verhafteten und verschleppten Gewerkschafter in Konzentrationslager. In Hattingen besetzten die SA-Sturmtrupps das DMV-Büro in der oberen Heggerstrasse 72, beschlagnahmten die Akten und das Vermögen der rund 3.000 Mitglieder zählenden Geschäftsstelle. Der DMV-Bevollmächtigte Wilhelm Warnecke und das Mitglied der Ortsverwaltung Karl Steierwald wurden in „Schutzhaft“ genommen.

Schon vier Tage zuvor, am 28. April 1933, hatte ein SA-Rollkommando das Gewerkschaftshaus des DMV in der Hagener Straße 2 besetzt und die Kasse, sowie die Geschäftsbücher beschlagnahmt. Der ehemalige DMV-Bevollmächtigte Walter Oettinghaus musste schon am Tag des Reichstagsbrandes in Berlin vor den Nazis ins Ausland fliehen. Die nationalsozialistische Pseudogewerkschaft „Deutsche Arbeitsfront“(DAF) eignete sich die Immobilien der DMV-Mitglieder in Gevelsberg und Hattingen rechtswidrig an.

„Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg“

Aus dieser faschistischen Barbarei haben die GewerkschafterInnen nach der Befreiung vom Faschismus im Mai 1945 die einzig richtige Lehre gezogen: „Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg“. Frauen und Männer der „ersten Stunde“ gründeten nach dem Ende des 2. Weltkrieges die IG Metall als Einheitsgewerkschaft.

Nachdem die britischen Militärbehörden Anfang 1946 Industriegewerkschaften wieder zuließen, wählten am 12. Februar 1946 rund 80 Delegierten aus 11 Betrieben in der ersten ordentlichen Vertreterversammlung des Westfälischen Gewerkschaftsbundes (WGB) Gruppe Eisen und Metall in Hattingen mit großer Mehrheit Willi Herold von der Henrichshütte zum 1. Bevollmächtigten, der das Amt bis 1967 ausübte. Heinrich Rund wurde in seinem Amt als hauptamtlicher Kassierer bestätigt, das er bis 1953 innehatte. Im Südkreis wählten die Metaller aus Gevelsberg, Ennepetal und Schwelm in der ersten Vertreterversammlung Gustav Ellinghaus 1946 zum 1. Bevollmächtigten und Fritz Harke zum Kassierer.

Die Gewerkschafter im Nordkreis zogen mit ihrer Verwaltungsstelle wieder in das Haus Nummer 72 auf der oberen Heggerstraße in Hattingen ein. Anfang 1950 sind sie in das neue IG Metall-Haus in der Großen Weilstrasse 9 umgezogen, wo sich bis 2000 der Sitz der IG Metall Hattingen befand. Im Südkreis musste der örtliche WGB, da die Nazis das Gewerkschaftshaus verkauft hatten und darin ein Hotel eingerichtet wurde, zuerst bescheidene Räume im ehemaligen Bezugsschein-Amt an der Ecke Hagener/Nirgenastraße in Gevelsberg beziehen und ab 1950 die Räume im Gebäude der Städtischen Sparkasse. Im Jahr 1966 konnten die IG MetallerInnen endlich in das neu gebaute Gewerkschaftshaus am Großen Markt 9 einziehen. Hier ist nach einem Umbau auch seit Mai 2000 der Sitz der Geschäftsstelle der IG Metall Gevelsberg-Hattingen.

Soziale Errungenschaften werden erkämpft

Kampf für betriebliche Mitbestimmung, sechszehn Wochen Streik für Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle, Tarifauseinandersetzungen um mehr Geld und kürzere Arbeitszeiten, sowie mehr Urlaub waren die bestimmenden Themen der IG Metall in den 1950er und 1960er- Jahren. Zwischenzeitlich hatten in Gevelsberg zuerst Arthur Thiele, dann Hans Hirsch und in Hattingen Richard Vaupel die Funktion der Ersten Bevollmächtigten übernommen.

Den Boomjahren in der Nachkriegszeit folgte im Ennepe-Ruhr-Kreis die Struktur- und Konjunkturkrise in der von 1980 bis 1994 rund 20.000 Arbeitsplätze vernichtet wurden. Während sich der Strukturwandel ab Anfang der 1980er- Jahre vorrangig in den Städten Hattingen und Sprockhövel vollzog, setzte in den 1990er-Jahren die negative Entwicklung vermehrt auch in Ennepetal, Gevelsberg, Schwelm und Wetter-Volmarstein ein. Zwischenzeitlich waren in Hattingen Otto König zum Ersten Bevollmächtigten und Hartmut Schulz zum Zweiten Bevollmächtigten und in Gevelsberg Franz Bogen zum Ersten Bevollmächtigen gewählt worden.

 

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Foto: Team der IGM Gevelsberg-Hattingen 2010: Jochen Stobbe, 2. Bevollmächtigter, Bernd Lauenroth, Gewerkschaftssekretär, Otto König, Erster Bevollmächtigter, Alfons Eilers, Hauptamtlicher Kassierer, Hans-Jürgen Iske, Gewerkschaftssekretär (v.l.n.r.)

 

Weichen für die Zukunft gestellt

Die Schließung von Metallbetrieben und der damit verbundene Arbeitsplatzabbau im Organisationsbereich der beiden IG Metall Verwaltungsstellen führte zu spürbaren Mitgliederrückgängen. In Folge dessen nahmen die Beitragseinnahmen ab, was die verfügbaren finanziellen Ressourcen einschränkte, obwohl gleichzeitig die Anforderungen an die Arbeits- und Betreuungsstrukturen der Hauptamtlichen anstiegen.

Im Herbst 1999 nahmen die beiden Bevollmächtigten Gespräche auf, wie die „Zukunftsfähigkeit“ der IG Metall in der EN-Region sichergestellt werden kann, und kamen zu dem Entschluss, dass die Zusammenlegung beider Organisationsbereiche der sinnvollste Weg dazu sei. Eine Arbeitsgruppe der beiden Ortsvorstände erarbeitete ab November 1999 ein Konzept der Neugliederung. Die Ortsvorstände und die Delegiertenversammlungen verabschiedeten das Arbeitspapier „IG Metall Gevelsberg-Hattingen – Ihr starker Partner – aktiv, kompetent und durchsetzungsfähig“.

Nach der Neuwahl im Mai 2010 nahm der neugewählte Ortsvorstand und das Team Otto König Erster Bevollmächtigter, Jochen Stobbe Zweiter Bevollmächtigter, Alfons Eilers hauptamtlicher Kassierer, die Gewerkschaftssekretäre Hans-Jürgen Iske, Bernd Lauenroth, später Thomas Hay, sowie die Verwaltungsangestellten Susanne Dudeck , Sigrid Haibach, Anette Steinke, sowie die später ausgeschiedenen Kolleginnen Maria Schilling, Pia Piepenbrink, Martina Prange und Heidi Schmidtke die Arbeit auf.

Zu den strategischen Zielen gehörten vorrangig die Erschließung neuer Betriebe, sowie die systematische Werbung in Schwerpunktbetrieben, in Textilbetrieben und im Angestellten- und Jugendbereich. Die erfolgreichen Aktivitäten der ehrenamtlichen Funktionäre in den Betrieben zur Mitgliedergewinnung wurden jedoch durch Konkurse und Stilllegungen von Betrieben konterkariert. Insgesamt gingen von 2000 bis 2010 erneut rund 4.000 gewerblich-technische Arbeitsplätze verloren.

 

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Foto: Mitglieder der Delegiertenversammlung Gevelsberg-Hattingen April 2016

Generationenwechsel

Im Jahre 2010 übernahm eine neue Generation die Führung der IG Metall Gevelsberg-Hattingen. Otto König schied aus dem Amt des Ersten Bevollmächtigten aus. Die Delegierten wählten am 4. September mit 94 Prozent Clarissa Bader zur Ersten Bevollmächtigten.  Ein Novum in der 125-järigen Geschichte der IG Metall im Ennepe-Ruhr-Kreis: Zum ersten Mal wählten die Delegierten im EN-Kreis eine Frau in diese Funktion. Neuer ehrenamtlicher Zweiter Bevollmächtigter wurde Damianos Koukoudeas, Betriebsratsvorsitzender der Firma Hesterberg & Söhne in Ennepetal.

„Es ist und bleibt die Aufgabe der IG Metall, die Interessen aller ArbeitnehmerInnen in unserem Organisationsbereich qualifiziert zu vertreten“, sagte Clarissa Bader nach ihrer Wahl. Die Sicherung der Durchsetzungsfähigkeit der Gewerkschaft stehe im Mittelpunkt der künftigen gewerkschaftlichen Arbeit im Betrieb. Bei der Bewältigung der gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen wird die Erste Bevollmächtigte von den Gewerkschaftssekretären Sven Berg und Nadine Schröer-Krug, sowie den Mitgliedern des Ortsvortandes aktiv unterstützt.

 

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Foto: Team der IGM Gevelsberg-Hattingen 2016: Clarissa Bader Erste Bevollmächtigte, sowie die Gewerkschaftssekretäre Nadine Schröer-Krug und Sven Berg (v.l.n.r.)

 

 

Foto 1:  Ortsverwaltung IG Metall Hattingen 1966: Peter Hemp, 2. ehrenamtlicher Bevollmächtigter, Willi Herold, 1. Bevollmächtigter und Richard Vaupel, hautamtlicher Kassierer (1. Reihe v.l.n.r)
Foto 2: Team der IGM Gevelsberg-Hattingen 2010: Jochen Stobbe, 2. Bevollmächtigter, Bernd Lauenroth, Gewerkschaftssekretär, Otto König, Erster Bevollmächtigter, Alfons Eilers, Hauptamtlicher Kassierer, Hans-Jürgen Iske, Gewerkschaftssekretär (v.l.n.r.)
Foto 3: Mitglieder der Delegiertenversammlung Gevelsberg-Hattingen April 2016
Foto 4: Team der IGM Gevelsberg-Hattingen 2016: Clarissa Bader, Erste Bevollmächtigte sowie die Gewerkschaftssekretäre Nadine Schrör-Krug und Sven Berg (v.l.n.r.)

 

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