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„Wer schwach ist, wird nicht gehört!“

Es war im Frühjahr 2005 als beim Türschließer-Spezialisten Dorma in Voerde die freigestellten Betriebsratsmitglieder mit Unterstützung der IG Metall in schwierigen Verhandlungen den Vertretern der Geschäftsleitung sechs Betriebsvereinbarungen zur „Zukunftssicherung“ abrangen. Sie wurden zu „Leitplanken“ für eine zukunftsorientierte Produktion und zur Sicherung der Arbeitsplätze. Damals aktiv beteiligt – Reinhold Dicke, freigestelltes Betriebsratsmitglied und IG Metall-Vertrauenskörperleiter.

Zehn Jahre später – in 2015 – sind nach dem Zusammenschluss der Dorma-Gruppe mit der schweizerischen Kaba Holding AG solche „Leitplanken“ erneut gefragt. Diese wird Kollege Dicke jedoch nicht mehr mit aushandeln. Nach fast 42 Jahren wurde er von seinen Kolleginnen und Kollegen in die passive Phase der Altersteilzeit verabschiedet. Betriebsratsvorsitzender Jörg Kannapin und IG Metall-Bevollmächtigte Clarissa Bader dankten ihm für seine aktive Arbeit, die er im Interesse der KollegInnen im Betrieb geleistet hat.

Reinhold Dicke wurde 1953 sozusagen in der Nachbarstadt – im Krankenhaus Schwelm – geboren. Doch in Ennepetal wuchs er auf und besuchte hier die Harkortschule. In der Freizeit bolzte er mit anderen Jugendlichen auf der Straße Fußball. Schließlich entdeckte er als 10-jähriger seine Begeisterung für Blasmusik und spielte im Ennepetaler Fanfarenzug.

Seine Ausbildung zum Maschinenschlosser begann Reinhold 1968 beim Verpackungmaschinensproduzenten Schmermund in Gevelsberg. Hier wurde er 1970 Mitglied der IG Metall. Seine KollegInnen wählten ihn zum Jugendvertreter. Gemeinsam mit den anderen Ortsjugendausschuss-Mitgliedern setzte er sich für die Verbesserung der Qualität in der Berufsausbildung ein. „Es war mir schon immer ein Anliegen, mich um die Probleme der Kollegen zu kümmern“, erläutert Reinhold sein gewerkschaftliches Engagement.

Nach dem erfolgreichen Facharbeiterabschluss arbeitete der Gewerkschafter zunächst bei Schmermund weiter. Dann wollte er mal was Neues kennen lernen. Also nahm er am 1. Mai 1974 bei Dorma in Voerde eine Tätigkeit als Maschinenschlosser in der Instandhaltung auf. „Eigentlich wollte ich nur eins, zwei Jahre bleiben, doch dann wurden es 42“, sagt Reinhold und schmunzelt.

Es war das Betriebsratsmitglied Willi Ostermann, das ihn darauf ansprach, ob er nicht im Betrieb gewerkschaftlich mitmischen wolle. Reinhold war nicht abgeneigt, denn er wusste, dass es wichtig ist, sich zu organisieren und sich für die eigenen und die Rechte anderer einzusetzen. Zunächst wurde er Vertrauensmann der IG Metall und 1980 wählten ihn die KollegInnen zum ersten Mal in den Betriebsrat. 1998 wurde er freigestelltes Betriebsratsmitglied. Anfang 2000 übernahm er die Funktion des Leiters des IG Metall-Vertrauenskörpers.

In den Jahren 2001 bis 2011 vertrat er die Arbeitnehmer im neugebildeten Aufsichtsrat der Dorma-Holding. „In den 35 Jahren meiner Betriebsratstätigkeit hat sich die „Dorma-Welt“ schon gehörig verändert“, stellt Reinhold fest. Dennoch: Trotz unterschiedlicher Geschäftsführer hätten sie in diesen Jahren auch viele Erfolge für die Beschäftigten erreichen können.

Es sei nun mal eine Binsenweisheit: „Wer schwach ist, wird nicht gehört“. Spätestens nach dem Generationenwechsel an der Betriebsratsspitze um die Jahrtausendwende hätte sich in der betrieblichen Interessenvertretung vieles zum Positiven gewendet. Mit Uli, Jörg und den anderen Betriebsratskollegen habe sich eine gute Zusammenarbeit entwickelt. Heute werde der Betriebsrat von der Arbeitgeberseite wieder gehört.

Reinhold Dicke, der sich auf Seminaren der IG Metall das notwendige Wissen aneignete, besetzte im Betriebsrat die Themenfelder „Entlohnung und Leistungsbeurteilung“ sowie die Umsetzung der tariflichen Altersteilzeit im Betrieb. Für den Lohnexperten und seine Kollegen im Betriebsrat war Mitte 2000 die betriebliche Umsetzung des neuen ERA Entgeltrahmenabkommens, das die bisherigen Lohnrahmen- und Gehaltsrahmentarifverträge in der Metallindustrie NRW ablöste, eine Herkules-Aufgabe. Über tausend Beschäftigte im gewerblichen und im Angestellten-Bereich mussten neu eingruppiert werden. „Es war eine harte Arbeit, doch die Ergebnisse konnten sich sehen lassen“, betont Reinhold und fügt hinzu: „Für viele zahlte sich unsere Beharrlichkeit in den Verhandlungen in Cent und Euro aus.“

Jetzt freut sich Reinhold darauf, noch mehr Zeit zu haben, an seinem „Moped“ (Motorrad) rumzuschrauben, um damit die näheren, aber auch ferneren Regionen zu erkunden. Auf Erkundungsreisen geht er auch mit seiner Frau Barbara – es soll noch Kontinente und Länder geben, wo es für sie noch neues zu entdecken gibt. Als gemütlicher Rückzugsort dient ihnen schließlich ihr „feststehender“ Camping-Wagen in Rüggeberg.

Von Langweile kann also keine Rede sein – schließlich sind da noch der Dorma-Werkschor und die Delegiertenversammlung der IG Metall. Doch eines wird ihm – dem BVB-Fan – auf jeden Fall fehlen, meint er, und zwar die „hitzigen“ Debatten am Montagmorgen im BR-Büro nach dem Fußball-Wochenende mit dem inzwischen ausgeschiedenen „glühenden“ Bayern-Fan Wolfgang. Ach ja, und da waren doch auch noch die Schalker.

Foto: Bei der Verabschiedung – Barbara und Reinhold Dicke, Silvia Binkowski, Beate Boehnke, Clarissa Bader und Jörg Kannapin (v.l.n.r.)

 

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