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Wut, Enttäuschung und großer Unmut

Schaeffler-Konzernleitung hält an Entscheidung fest: Das Wuppertaler Werk soll stillgelegt werden.

Wuppertal. (OK/CB) Die Schaeffler-Konzernleitung hält an ihrer Entscheidung fest: Der Standort Wuppertal soll stillgelegt werden. Diese Hiobsbotschaft verkündete Dr. Stefan Spindler, Vorstand Industrial, auf der Betriebsversammlung die Corona bedingt unter freiem Himmel stattgefunden hat. Die Beschäftigten machten ihrer Wut und Enttäuschung Luft und reagierten mit Pfiffen und lauten Buhrufen. Kämpfen sie doch seit Wochen mit ihrer gewerkschaftlichen Interessenvertretung für den Erhalt des Standortes und ihrer Arbeitsplätze.

„Die Schaeffler-Gruppe ist trotz eines Umsatzrückgangs von 10 Prozent, gut durch die Krise gekommen. Das ist vor allem der Verdienst unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und dafür allen ein herzliches Dankeschön“, zitierte der Betriebsratsvorsitzende Özgür Sönmezcicek den Vorstandsvorsitzenden Klaus Rosenfeld, um hinzuzufügen: „Wenn das danke schön so aussieht, dass man dafür auf die Straße gesetzt wird, dann verzichten wir auf ein solches danke schön.“ Die Kolleginnen und Kollegen unterstrichen mit langanhaltendem Beifall diese Feststellung.

Zuvor hatte Stefan Spindler ausgeführt, dass es aus Sicht des Vorstandes keine nachhaltige Lösung gebe, den Standort im Sinne des Unternehmens weiter zu führen. Für den Industriebereich im Konzern gelte die Maßgabe, dass ein Gross Profit II (Rohgewinn) von 35% erreicht werden muss. Dies sei aus Konzernsicht in Wuppertal nicht möglich, deshalb werde man bei der Entscheidung bleiben, den Standort zu schließen. Von den rund 750 Beschäftigten sollen künftig lediglich 25 bis 50 im Raum Wuppertal verbleiben.

Foto privat: Betriebsversammlung Schaeffler

Management stellt die „Rendite“ über die Zukunft von Menschen.

Mit arroganten Worten qualifizierte Spindler das Alternativkonzept des Betriebsrates ab. Das mit Unterstützung INFO-Institut berechnete wirtschaftlich tragfähige Konzept wäre nur „zusammen geschrieben“ worden, also „substanzlos“ und könne deshalb „nicht in Betracht“ gezogen werden. Betriebsratsvorsitzender Özgür Sönmezcicek und die IG Metall-Bevollmächtigte Clarissa Bader wiesen diese haltlosen Aussagen des Vorstands entschieden zurück.

Mit dem Alternativkonzept des Betriebsrats wäre in Wuppertal-Varresbeck der vom Management eingeforderte Gross Profit II (Rohgewinn) mit 34,9 Prozent fast erreichbar. Von rund 750 Arbeits- und Ausbildungsplätzen würden 428 bleiben. Auch dieses Konzept würde einen tiefen und schmerzhaften Eingriff bedeuten, doch der Standort hätte damit eine Zukunft. „Dieses vom INFO-Institut berechnete Konzept haben wir in einem dreitägigen Workshop mit Führungskräften des Standortes noch verfeinert. Es ist also realistisch“, sagte Sönmezcicek. Der Arbeitgeber wolle den Wuppertalern einfach keine Chance geben. Das Management stellt die „Rendite“ über die Zukunft von Menschen.

„Das Konzept von Betriebsrat ist sehr wohl seriös und nachhaltig“, erklärte Clarissa Bader. Wenn aber in Herzogenaurach die Latte immer höher gelegt werde und damit die erreichbaren Ziele immer weiter in die Ferne rücken würden, dann müsse man doch darüber nachdenken, „ob nicht der Vorstand mit seinem Team unseriös handelt.“. Die Kolleginnen und Kollegen unterstützten die Ausführungen der gewerkschaftlichen Interessenvertretung mit kräftigem Beifall.

In der anschließenden offenen Fragerunde brachten Kolleginnen und Kollegen ihre Enttäuschung und ihren Unmut zum Ausdruck. Sie erinnerten daran, dass Frau Elisabeth Schaeffler als der Konzern nach der Conti-Übernahme vor Jahren in die Schiellage geraten war, an die Beschäftigten appelliert habe, doch mitzuhelfen, den Konzern zu stabilisieren. Sie haben noch das Bild vor Augen, dass die Eigentümerin mit einem „roten Schal“ bekleidet die IG Metall-Zentrale in Frankfurt aufsuchte, um Unterstützung einzuwerben.

„Empathie“ und „Mitgefühl“ haben Vorstandsmitglieder nicht

Nachgefragt wurde, ob nicht von langer Hand geplant worden sei, den Standort in Frage zu stellen. Stefan Spindler verneinte dies und verwies auf die Investitionen in den letzten Jahren in Wuppertal, was den Betriebsratsvorsitzenden zu der sarkastischen Bemerkung veranlasste: „Man hat in den letzten Jahren am meisten in Werksleiter investiert. Das Werk 7 hat in den letzten 10 Jahren sieben verschiedene Werkleiter gehabt“.

Als Verhöhnung wurden Spindlers Appelle „doch bitte an die Kunden zu denken und deshalb wie gewohnt weiter zu arbeiten“ aufgefasst. Die Frage eines Beschäftigten, ob er nach der Entscheidung die hier Anwesenden in eine unsichere Zukunft bzw. in die Arbeitslosigkeit zu schicken, überhaupt noch schlafen könne, ließ Spindler unbeantwortet. In den Stellenbeschreibungen für Vorstandsmitglieder kommen Kategorien wie „Empathie“ oder „Mitgefühl“ für vom Arbeitsplatzverlust betroffene Arbeitnehmer*innen nicht vor, kommentierte die IG Metall-Bevollmächtigte die Nichtreaktion.

Nach knapp einer Stunde hat der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Uwe Ruberg die Versammlung unterbrochen, also nicht beendet, denn sie wird am kommenden Dienstag aufgeteilt in drei Versammlungen verteilt über den ganzen Tag in einer Halle auf dem Werksgelände fortgesetzt – auch um über die weitere Vorgehensweise zu beraten.

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